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Leben und Freizeit

Der Pizzo Cengalo kommt nicht zur Ruhe

Der Bergsturz am Pizzo Cengalo und die darauffolgenden Murgänge waren das Ergebnis einer äusserst seltenen Verkettung. Zu diesem Schluss kommt eine Expertengruppe.
16.12.2017, 04:30 Uhr
19.05.2026, 12:10 Uhr

Das Interesse am Schicksal von Bondo ist auch vier Monate nach dem Bergsturz am Pizzo Cengalo gross. Für die Medienorientierung gestern in Soglio waren zahlreiche Medienvertreter aus der ganzen Schweiz angereist – trotz der sehr winterlichen Strassenverhältnisse. Zur Konferenz eingeladen hatte der Kanton Graubünden. Der Kanton hat zum Bergsturz und zu den Murgängen vom August eine unabhängige Expertengruppe eingesetzt, welche das Geschehen aus Naturgefahrensicht analysiert und bewertet. Die ersten Ergebnisse der Arbeit wurden gestern erstmals der Öffentlichkeit präsentiert.

«Wir möchten aus den Ereignissen in Bondo für die Zukunft lernen», sagte Regierungsrat Mario Cavigelli. Innert kürzester Zeit habe die rund 20-köpfige Expertengruppe bereits wichtige Erkenntnisse gewinnen können. Das Naturgefahrenmanagement, so wie es im Kanton Graubünden praktiziert wird, muss nicht neu geschrieben werden. «Es funktioniert, es hat die richtigen Ansätze, es ist weitgehend professionell», erläuterte Cavigelli. Das Ereignis Pizzo Cengalo/Bondo habe aber auch gezeigt, dass sich solche Naturkatastrophen nicht voraussehen lassen.

Laut Jürg Schweizer, Leiter des WSL-Instituts für Schnee- und Lawinenforschung SLF in Davos, waren der Bergsturz und die darauf folgenden Murgänge eine weltweit sehr seltene Verkettung von Naturereignissen. Eis- und Wasserdruck haben den Felsen am 23. August zum Absturz gebracht. Mehr als drei Millionen Kubikmeter Fels sind auf einen darunter liegenden kleinen Gletscher gestürzt. Der Bergsturz hat in Sekundenschnelle viel Eis abgetragen, pulverisiert und zum Teil geschmolzen. Zusammen mit Wasser aus der Umgebung hat das frei gewordene Wasser die abgestürzten Gesteinsmassen in Bewegung gesetzt und einen Schuttstrom verursacht. Dieser hat sich durch die Val Bondasca bis in den Talboden ergossen.

Gemäss Schweizer bleiben noch viele Fragen offen, zum Beispiel, welche Auswirkungen die Klimaerwärmung auf das Hochgebirge haben wird. Solchen Fragen sollen in künftigen Forschungsprojekten nachgegangen werden.

Weitere Bergstürze erwartet

Bergstürze können in kurzer Zeitspanne ohne markante Vorankündigung erfolgen, lautet ein weiteres Fazit der Analyse. Laut dem Geologen Florian Amann wurde der Pizzo Cengalo bereits seit 2012 überwacht. «Anhand der Messungen der Bewegungen am Berg hat man gewusst, dass ein Ereignis bevorsteht», sagte Amann. Doch ausgerechnet in dem Teil des Berges, der schliesslich in die Tiefe donnerte, sei es in den Tagen vor dem Bergsturz sehr ruhig gewesen. «Es ist erstaunlich, dass die Steinschlagaktivität an der Nordwestwand, also an einem anderen Ort war, als an der schliesslich betroffenen Bergwand», meinte der Geologe. Laut seinen Ausführungen müssen die Bergeller auch weiterhin mit Bergstürzen rechnen. «Mehr als eine Million Kubikmeter Fels sind am Pizzo Cengalo in Bewegung», informierte er. Die geologische Situation deute darauf hin, dass sich langfristig sogar bis zu drei Millionen Kubikmeter von der Wand lösen könnten.

«Wir bleiben da»

Auch die Murgang-Gefahr bleibt hoch. Unterhalb des Piz Cengalo – in der Val Bondasca – liegen heute rund eineinhalb Millionen Kubikmeter Felssturzmaterial. Dieses könnte durch Wasser erneut mobilisiert werden und auch wieder bis nach Bondo gelangen, wie der Murgang-Experte Christian Tognacca ausführte. Da sich der Berg nicht kontrollieren lässt, müssen mehr Schutzbauten errichtet werden.

Am Donnerstag hat die Gemeindeversammlung von Bregaglia zu diesem Zweck einen Kredit über 140 000 Franken genehmigt. «Wir müssen uns der Natur anpassen», sagte Gemeindepräsidentin Anna Giacometti. Die provisorischen Dämme bei Bondo, Spino und Promontogno bleiben bestehen, bis die neuen Schutzbauten erstellt sind. Sie geben den Dörfern und ihren Bewohnern Sicherheit.

In der Val Bondasca sind die Zufahrtsstrasse und die Brücke zerstört. Mit dem Auto kommt man also nicht mehr rein. «Wir werden prüfen, ob es möglich ist, sichere Wege zu bauen», sagte Giacometti. Auf die Frage, ob eine Sperrung des Tals nicht sinnvoller wäre, meinte sie: «Wir können die Alpen nicht sperren.» Es tue weh, wenn in Kommentaren zu lesen sei, dass die Bergeller das Tal besser verlassen sollten. «Das ist unsere Heimat, und wir bleiben da», betonte die Sindaco.

Wenn etwas passiert, taucht schnell einmal die Frage nach Schuld oder Verantwortlichkeit auf. Doch das sind Fragen, welche die Justiz beantworten muss. «Wir vom Kanton müssen nicht zurückblicken und urteilen, sondern zurückblicken und aus den Erfahrungen gewinnen – um für die Zukunft alles zu optimieren, was möglich ist», meinte Cavigelli. Aus diesem Grund wurde die Expertengruppe eingesetzt.

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