Origen wird definitiv zur Hotelière
Die offizielle Schlüsselübergabe ist gestern Abend im festlichen Ambiente des alten Speisesaals im Posthotel erfolgt: Nach der «Weissen Villa» hat die Nova Fundaziun Origen nun auch den «Löwen» samt den dazugehörenden Liegenschaften von der Besitzerfamilie Willi übernommen. «Wir hatten den Kauf zurückgestellt, weil die finanziellen Mittel noch nicht da waren», so Origen-Intendant Giovanni Netzer. Jetzt aber könne ein wesentlicher Teil des Gesamtprojekts «Mulegns retten» als abgeschlossen betrachtet werden. «Und wir können mit der Sanierung anfangen.» Schon im Sommer 2020 sind laut Netzer erste Massnahmen an den Hotelgebäuden vorgesehen.
Unmenge von Quellen
Den aktuellen Forschungsstand zum «Löwen» kann Origen hingegen bereits präsentieren: in der ebenfalls gestern erstmals gezeigten Publikation «Post Hotel Löwe» von Historiker Basil Vollenweider. Gut ein Jahr lang hat er an diesem achten Band der Dokumentationsreihe «Origenal» gearbeitet; entstanden ist ein reich bebildertes Buch, das die Geschichte der Herberge und ihrer Besitzerfamilie Balzer von den Anfängen des Tourismus’ in Graubünden bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs schildert. «Der prestigeträchtige Bau», so Vollenweider in seinem Vorwort, «bewahrt nicht nur ein wichtiges Stück Geschichte Graubündens und des europäischen Reiseverkehrs im 19. Jahrhundert, sondern auch eine schier unüberblickbare Menge an historischen Dokumenten und Fotos.» Diese seien für den Band zusammengetragen und ausgewertet worden.
«Unglaublich pionierhaft»
Für Origen, so Intendant Netzer, sei klar gewesen, dass es dieses Buch auf jeden Fall brauche, unabhängig von der Entwicklung des Projekts «Mulegns retten»: um die historischen Grundlagen zum «Löwen» aufzuarbeiten – deshalb habe man den Auftrag an Vollenweider auch schon vor einem Jahr erteilt. Briefe der Familie Balzer, Rechnungen, Aufzeichnungen, strategische Überlegungen, das und noch viel mehr sei an Material vorhanden gewesen, und Vollenweider könne nun das «Porträt einer unglaublich pionierhaften, weltoffenen und sehr wirtschaftlich denkenden Familie» zeichnen, so Netzer. Deren Stammhaus war das Bad in Alvaneu, doch sie investierten unter anderem auch in Tiefencastel und Mulegns sowie in Tarasp, wo ihr Engagement im Badetourismus ihnen zu Mitteln verhalf, die sie in Mittelbünden einsetzen konnten. Gleichzeitig hatte die Familie viele Schicksalsschläge zu erdulden: Die Geschwister Christian, Johann und Anna Maria verloren im Kleinkindesalter in Mulegns ihre Eltern und wuchsen bei Onkel Josef und seiner Frau in Alvaneu Bad auf; dieser übertrug den beiden Brüdern später die Leitung des Familienunternehmenszweiges in Mulegns, ein Gasthaus mit Pferdewechselstation. Und von Christian Balzers 13 Kindern sollten später nur sieben das Erwachsenenalter erreichen, und drei von ihnen starben vor dem Vater.
Vollenweider berichtet aber natürlich auch vom Hotelbau ab 1850 unter Christian Balzer, vom Aufschwung und den Gästen aus aller Welt und von der Entwicklung des Transportwesens am Julier – «sehr spannende Einsichten dazu, was es bedeutete, sommers und winters Menschen und Waren über den Pass zu bringen», meint Netzer. Der Autor lässt Reisende aus alten Aufzeichnungen zu Wort kommen und erzählt vom aufkommenden Alpinismus, der in den Anfangsjahren auch für den «Löwen» von Bedeutung war – Gäste wetteiferten mit Einheimischen um Erstbesteigungen. Und er schildert den Versuch, das Hotel in ein Kurhaus umzuwandeln – gestoppt vom Krieg und Christian Balzers Tod.
Einzigartig ist schliesslich der Fundus an Bildern, die für den Band zur Verfügung standen: Sie stammen grösstenteils vom bekannten Fotografen Rudolf Zinggeler (1864–1954). Er war oft Gast im «Löwen» und hielt Land und Leute des Surses mit der Kamera fest. Dazu kontrastieren heutige Farbaufnahmen aus dem «Löwen» von Origen-Fotograf Benjamin Hofer.
Basil Vollenweider: «Post Hotel Löwe». Verlag Nova Fundaziun Origen, 276 Seiten, 54 Franken.