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Graubünden

Nach zehn Jahren endlich ein kleiner, grüner Luxus in diesem Churer Schrebergarten

Hugo Martins hat zehn Jahre lang gewartet, einen Schrebergarten zu bekommen: Jetzt endlich wurde es Realität. Ein Besuch vor Ort in Chur.
Bündner Woche
heute um 11:00 Uhr
heute um 11:02 Uhr

Von Susanne Turra

Die Geschichte des Schrebergartens geht weit zurück. Zunächst waren diese Gärten gar keine Gärten, sondern Plätze und Spielwiesen für Kinder. Und der Leipziger Arzt Moritz Schreber war auch nicht der Erfinder, sondern lediglich der Namensgeber. Ein Lehrer war es, Heinrich Karl Gsell, der später aus dem Schreberplatz den Schrebergarten ins Leben rief, indem er nach und nach Gärten anlegte. Zunächst ebenfalls als Beschäftigungsmöglichkeit für Kinder. Doch die Eltern fanden Gefallen an den Kinderbeeten. Und so wurden diese zu Familienbeeten. 

Schrebergartennummer

Es ist Montagabend an der Austrasse in Chur. Und es ist gar nicht so einfach, den Schrebergarten von Hugo Miguel Martins Pereira Almeida – kurz Hugo Martins genannt – und Nicole Kramer zu finden. Wohl trägt das Gartenhaus die Nummer 89. Das schöne Keramikschild hängt allerdings noch nicht an der Türe. Das kommt noch. Wer nun aber denkt, die Nummer 89 kommt nach der Nummer 88 und vor der Nummer 90, hat weit gefehlt. Das mit den Schrebergartennummern ist ein bisschen ein Wildwuchs. Am besten ist es, den Hauptweg hinter der Überbauung «Vier Jahreszeiten» zu nehmen und immer mal wieder nach links zu schauen. Noch besser, ein Zeichen zu vereinbaren. Ein Winken oder Rufen. Oder vielleicht gar eine Fahne zu hissen. Schweizer- und Bündnerfahnen, kroatische und portugiesische Flaggen sind zu sehen. Auch Hugo Martins kommt ursprünglich aus Portugal. Er ist aber schon seit vielen Jahren in Chur zu Hause. Vor zehn Jahren liess er sich bei der Bürgergemeinde auf die Warteliste für einen Schrebergarten setzen. Und seit 1. April dieses Jahres ist er stolzer Bewirtschafter der Nummer 89.

Schrebergartenprofi

Hugo Martins steht in seinem Reich und kontrolliert die Aussaat. Die schwarze Jacke hochgeschlossen und die graue Kappe tief über die Ohren gezogen. Tomaten, Kartoffeln, Zwiebeln, Salat, Fenchel. Alles da. Noch sind die Salatköpfe von trichterähnlichen Hütchen geschützt. Neckisch, verspielt, in Reih und Glied. «Am Freitag ist die Kalte Sophie», sagt Hugo Martins und reibt sich die Hände. «Wenn die Eisheiligen vorbei sind, sollte es wieder wärmer werden.» Gut für Gemüse und Blumen. Im Gartenhaus wartet derweil Partnerin Nicole Kramer. Ihre Eltern haben schon lange einen Schrebergarten hier. Und so sind sie beide sozusagen Schrebergartenprofis. «Wir helfen einander», bestätigt Nicole Kramer. «Es ist ein Geben und Nehmen.» Das gilt übrigens auch für die Nachbarschaft. Man kennt sich. Hilft sich. Schaut zueinander. «Und man hört schöne Geschichten», verrät Hugo Martins und schmunzelt. Er gibt gleich eine zum Besten. «Als ich den Garten bekommen habe, hat mich die Nachbarin zwei Tage später mit einer Maschine hantieren sehen», so Hugo Martins. «Sie war eine gute Freundin unserer Vorgängerin gewesen.» Und so hat sie den neuen Bewirtschafter auch gleich wissen lassen, welche Blumen in welches Beet gehören. Und was im Haus in jeder Ecke zu stehen hat. «Nun wissen wir es.» Hugo Martins und Nicole Kramer lachen herzhaft.

Schrebergartenromantik

Das Gartenhaus ist geräumig. Grösser als viele auf dem Areal. Und das hat seinen Grund. Das Häuschen ist rund 25 Jahre alt. Und damit noch vor dem Reglement, das heute gilt, entstanden. Solange nichts daran verändert wird, darf es so bleiben. Auch der Schrebergarten von Nicole Kramers Eltern war früher grösser. Aber er musste 2019 der neu erstellten Wohnsiedlung «Vier Jahreszeiten» weichen und ein bisschen weiter links neu erstellt werden. Nach den neuen Richtlinien. «Das war viel Arbeit», erinnert sich Hugo Martins. «Wir mussten alles neu aufbauen und das Gartenhaus wegen der neuen Ordnung kleiner machen. Da war dann von der Schrebergartenromantik nicht mehr viel übrig.» Die Schrebergartenromantik. Gibt es die heute überhaupt noch? Die Vorstellung vom kleinen geordneten Rückzugsort? Dem Tomatenziehen, dem Grillabend, dem Gartenzwerg, der Ruhe nach der Arbeit und einem bisschen Natur mitten in der Stadt? Heute erfüllt der Schrebergarten oftmals mehrere Funktionen gleichzeitig. Er ist ein Rückzugsraum in verdichteten Städten. Ein günstiger Zugang zu Grünflächen. Ein Ort für Gemeinschaft und Nachbarschaft. Ein Hobbygarten und Selbstversorgung. Eine nostalgische Gegenwelt zum digitalen Alltag. Gleichzeitig gibt es Regeln.

Schrebergartenordnung

Und da sind wir auch schon bei der Schrebergartenordnung. Sie zieht sich über fünf Seiten und 20 Artikel. Artikel 6 beispielsweise besagt: «Pro Parzelle ist ein Gartenhaus zulässig. Die Grundfläche darf ohne gedeckten Anbau höchstens 8 Quadratmeter betragen. Die längere Seite darf höchstens 4 Meter betragen. Die maximale Firsthöhe beträgt 2,5 Meter.» Auch die Masse des Gartenhaus-Vordachs, des Tomatenhauses und des Cheminées sind in der Gartenordnung geregelt. Ebenfalls, dass die Zaunhöhe höchstens 1,3 Meter betragen darf. Artikel 11 schreibt vor: «Es müssen nach Möglichkeit Regenwasserfässer aufgestellt werden. Das Begiessen mit Schläuchen ist zu vermeiden.» Mit den neuen Gärten sind neue Regeln gekommen. Und mit den Regeln ist das schöne einheitliche Bild entstanden. Gehegt und gepflegt. «Es braucht Regeln», ist Hugo Martins überzeugt. «Wenn alle machen könnten, was sie wollen, wäre es hier schnell wie im Wilden Westen.»

Schrebergartentag

Übrigens kann ein Schrebergarten nur an die eigenen Kinder weitergegeben werden. Ansonsten geht er an die obersten auf der Warteliste. Wie bei Hugo Martins. «Wir haben von der Vorgängerin viel übernehmen können», freut er sich. Heizung, Kochnische, eine kleine Glasvitrine mit Gläsern drin. Vorhänge, Rollos und ein Tisch samt Eckbank. Alles da. Sogar ein Jassteppich mit dem Churer Wappen drauf. «Jassen müssen wir erst noch lernen», sagt Nicole Kramer und lacht. «Aber Tschausepp tut es auch.» Geschirrwaschen und aufs WC gehen kann man hier aber nicht. Die Toiletten für das Schrebergartenareal stehen auf der Frontseite bei den Parkplätzen. Für kühle Getränke indessen ist im Gartenhaus gesorgt. Unter dem Boden ist ein Loch ausgehoben, das hervorragend als Kühlschrank dient. Wer möchte, kann mithilfe einer Solaranlage auch einen Kühlschrank und eine Kaffeemaschine betreiben. So, wie die Eltern von Nicole Kramer es tun. «Wir haben hier nur das Licht, das von einer Solaranlage betrieben wird», erzählt Hugo Martins. Das genügt. Im Sommer läuft viel in den Schrebergärten. Am Abend treffen sich die Menschen hier. Sie grillieren und essen miteinander. Alle sind willkommen. «Am Muttertag waren wir im Garten meiner Eltern», erzählt Nicole Kramer. «Das war sehr schön.»

Schrebergartenluxus

«Ein Schrebergarten in einer Stadt ist ein Luxus», betont Hugo Martins mit fester Stimme. «Wir wohnen in einer Wohnung in der Nähe. Mit dem Velo sind wir in fünf Minuten hier.» «Es ist ein bisschen wie Ferien», sagt auch Nicole Kramer. «Wir sind draussen. Und wir sind beschäftigt. Wir können aber auch einfach an der Sonne liegen. Oder ein bisschen spazieren gehen.» Essen und trinken. Beisammen sein. Gärtnern. Gemütlich zusammensitzen. Den kleinen, grünen Luxus geniessen. Was zu viel geerntet wird, wird verschenkt. Es ist ein Geben und Nehmen, auch hier. «Das Gemüse schmeckt richtig gut aus dem eigenen Garten», schwärmt Hugo Martins. Früher war die Idee eines Schrebergartens eine andere. Die Menschen haben einfach angesät und geerntet. Heute wird im Schrebergarten gelebt. So tun es auch Hugo Martins und Nicole Kramer. Sie gehen raus und blicken auf ein leeres Gartenbeet. «Den Mangold hat unsere Vorgängerin mitgenommen», sagt Hugo Martins. «Nun hoffen wir natürlich, dass ein bisschen Capuns zurückkommt.» Die beiden lachen und verraten gleich noch etwas: «Vielleicht feiern wir Weihnachten hier», so Nicole Kramer. «Mit Bäumchen, vielen Lichtern und hoffentlich ein bisschen Schnee.» Es gibt sie noch. Die Schrebergartenromantik.

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