Schwere Vorwürfe an die Behörden in neuem Gutachten zum Bergsturz in Bondo
Ein neues Gutachten zum Bergsturz am Piz Cengalo vom 23. August 2017 könnte die Beurteilung des Naturereignisses neu aufrollen. Der Bergsturz mit dem anschliessenden Murgang forderte acht Todesopfer. Zwei Jahre später kam die Bündner Staatsanwaltschaft zum Schluss, das Ereignis sei nicht vorhersehbar gewesen. In der Folge stellte sie die Untersuchung ein. Dabei stützte sie sich auf Beurteilungen des Amts für Wald und Naturgefahren (AWN) Graubünden. Nun haben sich Angehörige der Bergsturzopfer vor Gericht ein neues, unabhängiges Gutachten erkämpft. Dieses hat der Westschweizer Geologe Thierry Oppikofer verfasst, wie der «Beobachter» in einem Artikel vom 22. Dezember schreibt.
In seiner Expertise führt Oppikofer aus, weshalb die Behörden ein «inakzeptables Risiko» eingegangen seien, als sie zu jener Zeit den Zugang in die Val Bondasca trotz mehrerer Alarmzeichen nicht sperrten. In Oppikofers Gutachten heisst es, die Auswertung der jährlichen Radarmessung am Piz Cengalo zwei Wochen vor dem Bergsturz hätte gezeigt, dass sich die Felsmassen in der Nordostflanke fast dreimal so schnell bewegten wie im Vorjahr. Der Geologe, der diese Messung auswertete, warnte das AWN und empfahl, die Val Bondasca vorläufig nicht mehr zu betreten.
Auch ein ETH-Geologe, der zum Piz Cengalo forscht, rechnete zur selben Zeit mit einem baldigen Bergsturz. Diese Einschätzung teilte er gemäss «Beobachter» nicht nur dem Kanton, sondern auch dem Schweizerischen Erdbebendienst an der ETH mit. Oppikofer liess auch die Beobachtungen des Hüttenwarts der Sciorähütte in sein Gutachten einfliessen. Dieser notierte für den Kanton die Felsstürze aus der unruhigen Nordwand. Allein aus der Nordostflanke habe der Hüttenwart in den zwei Wochen vor dem Bergsturz mindestens neun Stürze beobachtet, drei davon in den zwei Tagen vor der Katastrophe. Und: Offenbar bildete sich aufgrund eines Felssturzes während derselben Zeit eine grosse Staubwolke im Tal.