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Ereignisse

Die Nacht der wilden Hausrüttler

Am frühen Sonntagmorgen entlud sich über Glarus und Netstal ein gewaltig lautes Donnerwetter. Messstationen zeichneten dabei zwei Blitze der allerstärksten Kategorie auf.
Ueli Weber
26.09.2017, 04:30 Uhr
19.05.2026, 12:10 Uhr

Das Gewitter zog nicht mit einem bedrohlichen Grollen auf. Es schlich sich an, bevor es über Glarus, Riedern und Netstal hereinbrach. Es riss die Menschen aus dem Schlaf, und vielen ging erst einmal ihr persönliches Katastrophenszenario durch den Kopf: In Netstal dachten sie, der Wiggis donnere ins Tal. Bei den Glarnern war es der Glärnisch, der ihnen auf den Kopf fiel. In der Nähe des Bahnhofs dachte jemand, es habe sich ein Zugunglück ereignet.

Weil die Blitze so nah waren, grollte der Donner nicht, es knallte nur noch. In Netstal fielen Strassenlampen aus. Ein Autoalarm ging los. Und um den kleinen Weltuntergang am Tage des Herrn perfekt zu machen, schlug der Blitz auch noch in den Kirchturm der reformierten Kirche ein: Die Kirchenuhr blieb um 5 Uhr 40 stehen.

Zwei Blitze pro Minute

Erst zehn Minuten vorher hatten Messstationen erste Blitze über dem Wiggis und dem Sackberg registriert. Ein «mittlerer Roller» war dabei mit 4000 Ampere Stromstärke. Innert 25 Minuten wuchs die Zahl auf 50 Blitze an. 27 Blitze gehörten zur zweitstärksten Kategorie. Um 5 Uhr 45 entluden sich zwei Megablitze: Der eine der «wilden Hausrüttler» schlug mit 132 000 Ampere in Netstal in die Linth ein. Der andere entlud sich in den Ennetbergen mit 164 000 Ampere.

Doch so schnell wie das Gewitter begonnen hatte, war es auch wieder vorbei: Um 5 Uhr 55 war der Spuk vorbei. Geregnet hat es während des Gewitters gemäss Messstationen nur wenig und auch der Wind blies nur ganz schwach.

Für die Jahreszeit ungewöhnlich

Das Gewitter richtete nur wenige Schäden an. Der gleiche Blitz, welcher die Kirchenuhr aussteigen liess, war vermutlich schuld daran, dass ein Backofen in der Bäckerei Villiger kurzzeitig den Geist aufgab. Die Technischen Betriebe konnten die ausgefallenen Strassenlampen bald wieder zum Leuchten bringen. Bei der Gebäudeversicherung Glarnersach gingen bis Montag keine Schadensmeldungen ein. Wie Sabine Balmer von Meteo Schweiz erklärt, zog in der Nacht ein Kaltluftpfropfen in etwa fünf Kilometer Höhe von Westen her zum Glarnerland, wo viel Feuchtigkeit im Tal lag. Das seien gute Voraussetzungen für Gewitterwolken – und zwar egal zu welcher Tageszeit. «Vom Phänomen her war das Gewitter nicht aussergewöhnlich», sagt Balmer. «Aber für die Jahreszeit untypisch.»

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