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«Zervreila-Staumauer? Die können mich gerne anrufen»

Fabian «Bane» Florin hat diese Woche das Rennen in der Wahl zum «Bündner des Jahres 2018» gemacht. Im Interview verrät der 35-jährige Street-Art-Künstler, wie es ist, die Welt zu bereisen und damit Geld zu verdienen.

Tanja
Egli
Freitag, 08. März 2019, 04:30 Uhr «Bündner des Jahres» - das grosse Siegerinterview
Graffiti-Künstler Fabian Florin drückt dem Churer Stadtbild seinen Stempel auf - und wird dafür gewürdigt.
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Hinter Künstler «Bane» liegt ein ereignisreiches 2018: Auf dem Churer Mühleturm hat er das grösste Wandgemälde der Schweiz bemalt, kurz darauf den«King’s Club» im St. Moritzer «Badrutt’s Palace» gestaltet und Grossprojekte in der Weissen Arena Laax realisiert. Jetzt wurde er von den Leserinnen und Lesern auf «suedostschweiz.ch» zum «Bündner des Jahres 2018» gewählt. 

Noch vor dem Video-Interview bedankt sich Bane mit dieser Botschaft bei den Leserinnen und Lesern.

Fabian Florin, Sie weilen zurzeit in Südostasien und machen dort rund drei Monate Ferien. Das Schoggileben eines Künstlers?
Fabian Florin: Von Februar bis Dezember habe ich sechs bis sieben Tage die Woche an die zwölf Stunden am Tag gearbeitet. Von dem her ist es alles andere als ein Schoggileben. Bei einem oder zwei Tagen Pause kann ich mich nicht wirklich erholen. Deshalb arbeite ich jeweils, bis ich fast nicht mehr kann, und mache dann lange Ferien in Asien. Hier ist mittlerweile mein zweites Zuhause.

Und jetzt auch noch «Bündner des Jahres». Ihnen fliegen die gebratenen Tauben momentan in den Mund.
Aktuell habe ich wirklich einen guten Run. Ich habe hart dafür gearbeitet und musste lange Zeit auch unten durch. Daher sehe ich diese Auszeichnung ein wenig als Ernte an. Aber ich muss natürlich auch sagen, dass ich nur der Kopf bin vom Ganzen. Hinter mir steht ein ganzes Team, das jeden Tag hart arbeitet. So würden wir beispielsweise ohne meinen Partner «Pest» nicht da stehen, wo wir nun sind. Der Titel ist ein Gemeinschaftswerk. Das darf nicht vergessen werden.

Auf Facebook haben Sie sich sehr über den Gewinn gefreut. «Es ist mir eine riesengrosse Ehre», haben Sie geschrieben. Was nützt Ihnen denn der Titel?
Die Frage ist, was nützt uns der Titel. Dieser Titel soll auch andere Leute motivieren, ihre Träume zu verwirklichen. Er soll inspirieren. Genauso wie Musiker auch gerne mit einem Award gewürdigt werden. Das Schöne an der Sache ist, dass dieser Award eigentlich uns allen gehört.

Die Idee für den Mühleturm kam im hohen Norden aus dem Nichts. Entsteht in Südostasien auch etwas aus dem Nichts?
Südostasien ist eigentlich immer eine Zeit, in der ich mich selber wieder etwas sammle. Es tut mir einfach gut, mich hier zu reflektieren, überdenken und wieder auf Kurs zu bringen. Dadurch werden geplante Ideen gefestigt und definiert.

Holen Sie sich so Inspiration?
Auch, ja. Aber Inspiration holt man sich eigentlich überall im Leben. Die kann man auch in Chur am Rhein finden. Die Frage ist eher, wie offen man Neues zulässt. Dies fällt mir hier in Südostasien einfach leichter. Das Tor, um neue Ideen hereinzulassen, wird grösser.

Sie setzen gerne auf Sujets aus der Heimat. Müssen Sie immer erst in die Ferne, um die Heimat mit anderen Augen wahrzunehmen?
Müssen nicht. Wenn man die Heimat von aussen betrachtet, gibt es einen anderen Blickwinkel. Kurzes Beispiel: Während der gesamten Mühleturm-Problematik mit den Bewilligungen, den Gemeindeabstimmungen und so weiter kamen alle zu mir und sagten, wie kompliziert bei uns alles sei. Dabei können wir so glücklich sein, dass unser System so gut funktioniert. Wir bilden die Pyramidenspitze. Solche Prozesse sind ein Teil unserer Gesellschaft. Aber das kriegt man nur mit, wenn man auch anderes auf der Welt gesehen hat.

Dank Ihren Bildern können Sie die Welt bereisen und gleichzeitig Geld verdienen. Ist das immer nur schön?
Ehrlich gesagt verdiene ich mit meinen Auslandsreisen überhaupt noch nicht lange Geld. Am Anfang ist es sicherlich mehr ein Prestige-Ding. Doch irgendwann muss man Geld verdienen. Es klingt aber schöner, als es ist. Malen wir in Schanghai, sieht das folgendermassen aus: Zürich Flughafen – Schanghai –  Hotel – Wand-Hotel-Wand dann einen halben Tag Sightseeing und der Flug zurück. Auf Social Media sieht das Ganze natürlich immer wahnsinnig toll aus, aber grundsätzlich ist es harte Arbeit. Arbeiten im Ausland sind in erster Linie eigentlich Investitionen in die Zukunft.

Bei anderen Künstlern sieht man alle paar Jahre einen Entwicklungsschritt. Wie haben Sie sich entwickelt?
Entwicklung ist etwas, das man nicht erzwingen darf, sondern einfach passiert. In den letzten sieben Jahren ging es bei mir insbesondere um Entwicklung in der Technik. Vertiefungsarbeit im Umgang mit Farben, Spraydosen etc. Da habe ich auch dank «Pest», der eine Kunstschule absolviert hat, einen riesen Schritt gemacht. 

Weshalb malen Sie oft Tiere an die Wand wie beispielsweise den Vogel am Schulhaus Lachen in Chur?
Man muss sich halt immer auch fragen, für wen man diese Bilder malt und wen man damit erreichen will. Sind es die Kinder? Die Mütter? Der Normalbürger? In diesem spezifischen Fall war es eben eine Schule, und daher ist dieses Sujet auch passend.

Für manche Personen sind Ihre Kunstwerke nicht mehr als schöne Bilder.
Ich kann, will und muss nicht alle glücklich stellen. Heutzutage kann sich ja jeder das anschauen, was ihm gefällt. Darum mache ich mir keine grossen Gedanken über Leute, die meine Kunst nicht mögen. Die sind mir eigentlich egal.

Sie bemalen nicht nur Wände, sondern auch Menschen.
Für mich ist das Tätowieren eigentlich das sichere Einkommen. Es ist nicht einfach, als Künstler über die Runden zu kommen. Beim Mühleturm beispielsweise sehen die Leute nur, dass das Kunstwerk 250 000 Franken gekostet hat. Wie viel davon an uns geht, weiss niemand. Das Tätowieren ist eine coole Ausgleichsmöglichkeit, um etwas stressfreier zu arbeiten.

Ihr Künstlername «Bane» steht im Englischen für Fluch, Ruin und Verderben. Weshalb dieser Name?
Der Name ist mein Mahnmal, das ich aus meiner Vergangenheit mitnehme. Es soll mich daran erinnern, woher ich komme und dass ich dahin nicht mehr zurück will. Ein Warnsignal, welches mich ständig begleitet.

Der Name ist aber nicht das Einzige, das Sie aus der Vergangenheit mitgenommen haben.
Meine Vergangenheit ist ein Teil von mir. Ob es jetzt eine schlechte oder gute Zeit war. Schlussendlich will ich das nicht wirklich werten, denn es hat mich zu dem gemacht, was ich bin.

Fabian Florin war 14 Jahre seines Lebens drogenabhängig. Wie er aus dem Drogensumpf raus kam: 

Sind Sie der würdige «Bündner des Jahres»?
Ich glaube, dass diesen Titel auch ganz viele andere Leute verdient hätten. Nur sind diese eben nicht im Fokus. Ich bin mir sicher, dass es noch tausendfach grössere Leistungen als meine gibt. Deshalb bin ich wohl einfach einer der Würdigen. Ein grosser Vorteil ist natürlich meine Community, von welcher ich sehr grosse Unterstützung erhalte.

Wem hätten Sie diesen Preis gegeben?
Ich hätte ihn Julia Müller (jüngste Grossrätin in Graubünden, die Red.) gegeben. Für sie habe ich auch abgestimmt. Die Art, wie wir die Welt gestalten, ist zwar komplett verschieden. Aber ich habe extremen Respekt davor, wie sie das macht. Das könnte ich nie. Sie ist sehr tough, smart - und das mit 22 Jahren. 

Nach dem Mühleturm folgt die Zervreila-Staumauer?
Die können mich gerne anrufen. Warum nicht? 2019 werde ich mich allerdings mehr für soziale Projekte einsetzen anstatt nur meine künstlerische Arbeit. Einiges ist aber noch in der Schmiede, daher kann ich noch nicht viel verraten.

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