Direktzahlungen: Die Differenz zwischen «zu viel» und «zu wenig»
Die Frage, ob die Direktzahlungen, die die Bauern vom Staat erhalten, nach oben begrenzt werden sollen, sorgt bei der Schweizer Landwirtschaftspolitik für Aufregung. Der Bundesrat schlägt in dem Entwurf für die Agrarpolitik ab 2022 einen Deckel bei 250'000 Franken vor. So sollen Auswüchse gestoppt werden.
Die «Bauern Zeitung» hat beim Bund nach den Direktzahlungsdaten von über 50'000 Bauernbetrieben gefragt und diese analysiert. Nun lassen sich erstmals Rückschlüsse ziehen, welche Bauern konkret von der Deckelung betroffen wären. Zum Teil fliesse viel Geld an Betriebe, die gar nicht darauf angewiesen wären, schreibt der «Tages-Anzeiger».
Diese Bündner Bauernbetriebe erhalten am meisten Geld
Quelle: Bundesamt für Landwirtschaft
Spitzenbezüger im Kanton Graubünden
In gewissen Berggebieten sammeln sich die Spitzenbezüger. So auch in hoch gelegenen Regionen im Kanton Graubünden. Grund für ihre hohen Direktzahlungen ist die Grösse ihres Landes. Diese Betriebe verfügen über sehr grosse Wiesen und Weiden, meist mit einer Fläche zwischen 70 und 120 Hektaren. Die Fläche eines Betriebes ist seit der Agrarreform 2014 der zentrale Faktor für die Höhe der Direktzahlungen.
Gleich vier Betriebe, die deutlich mehr als 250'000 Franken Direktzahlungen pro Jahr erhalten, gibt es in der Gemeinde Surses entlang der Julier-Passstrasse. Das sei Schweizer Rekord, schreibt der «Tages-Anzeiger». Einer dieser Betriebe gehört Gion-Franzestg Schaniel: «Wir erhielten plötzlich zusätzliches Geld für Arbeiten, die wir seit je gemacht haben», erklärt er gegenüber dem «Tages-Anzeiger». Heute machten die Direktzahlungen ungefähr zwei Drittel seines Hofeinkommens aus.
Auf Kosten von Biodiversitätsflächen
Zwei Drittel der rund 90 Hektaren Wiesen und Weiden, die Schaniel bewirtschaftet, seien Biodiversitätsflächen, für die er zusätzliche Beiträge erhalte, so der «Tages-Anzeiger». So soll ein schonender Umgang mit diesen Flächen gewährleistet werden. Gemäss Schaniel wären es genau diese Flächen, die am meisten unter einer Deckelung leiden würden. «Ohne Direktzahlungen lohnt sich die Bewirtschaftung gewisser Flächen in der Höhe nicht, und ich würde sie nicht mehr mähen.» Und weiter: «In 20 Jahren hätten wir dann einen Fichtenwald statt schöne Bergwiesen.»
Skepsis bei den Behörden
Die Entwicklung der Direktzahlungen bei solch grossflächigen Betrieben beobachtet der Kanton Graubünden mit Skepsis. «Es gibt in der Tat einzelne Auswüchse, die wir kaum noch rechtfertigen können», sagt Valentin Luzi, Leiter der Direktzahlungen des Kantons Graubünden gegenüber dem «Tages-Anzeiger». «Es gibt Bauern, die sagten mir selber, dass sie eigentlich zu viel Geld erhalten. Sie sind das nicht gewohnt, da sie von Kindsbeinen an in eher einfachen Verhältnissen lebten.»
Im Gegensatz zu vielen anderen Kantonen erhalten Bündner Bauern auch in den Jahren Zahlungen, in denen sie die entsprechenden Flächen gar nicht mähen, sie also kaum Aufwand haben, wie es weiter heisst. Die Zahlungen seien allerdings etwas geringer als in den Jahren, in denen gemäht wird. Der Kanton kürzte ab 2016 vielerorts die Direktzahlungen, weil etliche Betriebe nicht korrekt meldeten, wann sie mähten und wann nicht.
Bauern mit aufwendigen Steilhängen ziehen den Kürzeren
Johann Inniger war ein Leben lang Bergbauer. Allerdings nicht in einer Region mit vielen relativ flachen Wiesen, wie in Graubünden, sondern im Berner Oberland. Dort sind die Hänge teils sehr steil und entsprechend ist viel Handarbeit gefragt. «Mit unseren knapp 14 Hektaren Land waren ich und meine Frau immer voll ausgelastet, mehr hätten wir gar nicht geschafft», sagt Inniger gegenüber dem «Tages-Anzeiger». «Es ist einfach schade, dass die Arbeit von Bauern mit Steillagen wegen der kleinen Fläche viel schlechter abgegolten wird als die von Bauern, die das Glück haben, grosse, schöne Landstücke bewirtschaften zu können.»
Entwurf erhält viel Kritik
Mit der Begrenzung von 250‘000 Franken will der Bund nun solche Ungerechtigkeiten entschärfen. Dafür muss er mächtig Kritik einstecken. Der Deckel sei willkürlich angesetzt, blosse Symbolpolitik und lasse sich leicht umgehen, so die Kurzzusammenfassung der Zeitung. Als Gegenvorschlag wünschen sich die Kritiker einen Ausbau der flächenbezogenen linearen Abstufung der Zahlungen. Eine, wie es heute schon für die Basisbeiträge gebe. Das heisst: Je grösser der Betrieb ist, desto kleiner fällt die Zahlung für jeden zusätzlichen Hektar aus.
Bündner Bauer wüsste sich zu helfen
Wie leicht die Deckelung zu umgehen wäre, erklärt der Bündner Bergbauer Gion-Franzestg Schaniel im «Tagi»-Artikel ganz unverblümt: «Sollte ein Deckel eingeführt werden, würde ich einfach meinem Bruder einen Teil des Landes übertragen. Wir arbeiten ohnehin eng zusammen.»