«Der Prototyp musste perfekt sein»
Was tut einer der erfolgreichsten Schweizer Designer, wenn er nicht gerade Konzepte entwirft, die später an jeder Ecke unseres Landes stehen? Momentan beschäftigt sich Werner Zemp in seinem Haus in Amden am liebsten mit Kunstobjekten, bei denen sich Geometrie, Skulptur und Spiel vermischen.
Werner Zemp, wie nennen Sie diese Skulptur?
Sie heisst Taumel Conceptual Art. Die ersten Skizzen dazu entstanden vor über 30 Jahren. Taumel besteht aus vier Teilen und lässt sich auf mehrere Arten zusammensetzen, so ergibt sich jedes Mal eine andere Form.
Damit ist Taumel quasi eine Do-It-Your-Self-Skulptur. Wie kamen Sie auf die Idee?
Anlässlich meiner Diplomarbeit für die Hochschule für Gestaltung Ulm im Jahr 1967. Unser Professor wollte, dass ich mich mit Phänomenen in der Natur auseinandersetze. Also studierte ich Mohnkapseln und sah, dass sie eine faszinierende Formenvielfalt zeigen. Darauf entwickelte ich kombinierbare Schalenelemente. Das ergab die Grundidee für Spielplatzgeräte. 1972 richtete ein Hersteller zwei, drei solcher Spielplätze ein. Im Gegensatz zu den erfreuten Kindern gab es opponierende Eltern – die fanden das alles zu gefährlich.
Auch Taumel könnte ein Spielzeug für Kinder sein ...
Ja, die Idee kam vom Spielen, vom Zerlegen und Assoziieren. Taumel ist ein zweckfreies Kunstobjekt.
Hatten Sie als professioneller Designer Zeit für solch spielerische Entwürfe?
Nein. Wenn man ein Designbüro führt, gibt es kaum Zeit dafür. Nebenher habe ich diese Ideen seit meinem Studium verfolgt. Erst 2010, nachdem ich mein Büro aufgegeben hatte, zeigte ich Arbeiten in meiner Ausstellung im Technopark. Bis dahin wussten nur wenige davon.
Auch Ihr Abfallhai hat etwas Spielerisches. Wie kam es zur Realisation?
2002 las ich im «Tages-Anzeiger» eine kurze Notiz, wonach die Stadt Zürich Vorschläge für einen neuen Abfallkübel suchte. Mein erster Gedanke war: Es gibt doch schon Tausende davon. Trotzdem ging ich mit dem Thema schwanger und sah überall solche Objekte. Zehn Tage vor der Abgabe hatte ich die Idee!
Und was war die Grundidee für den Abfallhai?
Ein Zylinder, er sollte bei maximalem Inhalt eine minimale Aussenform haben. Deshalb schrägte ich die Form hinter dem Einwurf ab. Dieser Raum wird ja nicht genutzt.
Terminlich wurde es wohl knapp...
Am Mittwoch bekam der Hersteller die Zeichnungen und am Freitag um vier Uhr mussten wir das Bewerbungsdossier abgeben. Nach der ersten Bewertungsrunde waren wir bei 80 Mitbewerbern unter den ersten drei. Danach galt es, einen Prototypen zu realisieren – und der musste perfekt sein.
Haben Sie das Modell selber gefertigt?
Nein. Für die Produktion nahm ich mit einem Unternehmer Kontakt auf. Der war auch sofort begeistert. Ich erklärte ihm, dass ich ein solches Produkt so sorgfältig wie eine Kaffeemaschine gebaut haben will. Jedes Wochenende stellen hier mehroder weniger bekannte Persönlichkeitenaus der Region ihren Lieblingsgegenstand –sozusagen ihr Schmuckstück – vor.
Mit Fantasie für Formen und Figuren
Werner Zemp wurde 1940 in Kleinwangen (LU) geboren. Er absolvierte eine Lehre als Möbelschreiner und 1963 ein Studium an der Hochschule für Gestaltung Ulm. Danach folgten Arbeitsund Studienaufenthalte unter anderem in Mailand und London. Zemp arbeitete bei Devico Design und gründete 1993 zusammen mit seiner Frau Margarita sein eigenes Designatelier. Werner Zemp lebt mit seiner Frau in Amden. Die beiden haben zwei Töchter.