Schweizer Debakel an den US Open – jetzt warnt Wawrinka vor einem Problem
Vier Schweizerinnen und Schweizer gingen in New York im Einzel an den Start – keiner von ihnen steht in der zweiten Runde. Nach der Bündnerin Simona Waltert, Viktorija Golubic und Stan Wawrinka erwischte es als Letzte auch Belinda Bencic. Das frühe Aus kommt zu einem Zeitpunkt, an dem Wawrinka kritische Worte über die Entwicklung des Schweizer Tennis findet.
Auch Bencic scheitert überraschend in der ersten Runde
Belinda Bencic hätte aus Schweizer Sicht die Wende bringen sollen. Als Nummer 12 der Welt ging die Ostschweizerin als klare Favoritin in ihre Auftaktpartie gegen die deutlich schlechter klassierte Julia Putinzewa.
Zunächst sah es auch nach einem erfolgreichen Start aus. Bencic entschied den ersten Satz mit 6:4 für sich. Anschliessend kippte die Partie jedoch. Putinzewa holte sich den zweiten Durchgang mit 7:5 und setzte sich nach insgesamt 2:51 Stunden mit 6:3 im Entscheidungssatz durch.
Für zusätzliche Aufregung sorgte Bencic im zweiten Satz. Aus Frust schlug sie einen Ball in Richtung der Zuschauerränge und traf dabei eine Person. Die Schweizerin entschuldigte sich sofort und erhielt eine Verwarnung. Putinzewa forderte beim Schiedsrichter dagegen eine Disqualifikation ihrer Gegnerin.
Bencic durfte weiterspielen, konnte die Niederlage aber nicht mehr verhindern. Damit war das Schweizer Quartett in New York endgültig gescheitert.
Waltert verliert gegen die Weltnummer 449
Besonders bitter verlief das Turnier für Simona Waltert. Die 25-jährige Churerin stand erstmals überhaupt im Hauptfeld der US Open und bekam mit Nadia Podoroska eine auf dem Papier machbare Gegnerin zugelost.
Waltert liegt in der Weltrangliste auf Position 89, Podoroska war vor dem Turnier lediglich die Nummer 449 der Welt.
Zunächst schien die Bündnerin ihrer Favoritenrolle gerecht zu werden. Waltert gewann den ersten Satz mit 6:4 und kämpfte sich im zweiten Durchgang mehrfach nach einem Rückstand zurück. Im Tiebreak verpasste sie jedoch die Entscheidung.
Im dritten Satz ging es hin und her. Waltert machte aus einem 0:2 zwischenzeitlich ein 3:2, verlor danach aber den Faden. Nach 2:48 Stunden stand ihre 6:4, 6:7 (5:7), 3:6-Niederlage fest.
Vor allem die Fehlerquote wurde der Churerin zum Verhängnis. Am Ende standen 63 unerzwungene Fehler zu Buche.
Auch für Golubic ist sofort Schluss
Viktorija Golubic hatte ebenfalls ihre Möglichkeiten. Die Zürcherin erwischte gegen Diane Parry einen hervorragenden Start und führte im ersten Satz schnell mit 3:0.
Doch die Französin kämpfte sich zurück. Golubic gab beim Stand von 5:6 erneut ihren Aufschlag ab und verlor den ersten Durchgang mit 5:7.
Auch im zweiten Satz gelang ihr keine Wende mehr. Parry setzte sich mit 6:4 durch und beendete Golubics US-Open-Auftritt nach 1:49 Stunden.
Damit war bereits am Montagabend klar: Von den drei Schweizer Frauen hatte nur noch Bencic Chancen auf die zweite Runde. Einen Tag später erwischte es auch sie.
Wawrinkas letztes Grand-Slam-Spiel endet bitter
Bei Stan Wawrinka hatte das Ausscheiden noch eine andere Dimension. Der 41-Jährige bestritt gegen Matteo Berrettini das letzte Grand-Slam-Match seiner Karriere.
Lange Zeit war nicht einmal sicher gewesen, ob der US-Open-Sieger von 2016 überhaupt noch einmal in New York antreten darf. Zunächst erhielt Wawrinka keine Wildcard. Nach dem verletzungsbedingten Rückzug des Amerikaners Patrick Kypson bekam der Schweizer doch noch einen Platz im Hauptfeld.
Gegen Berrettini hielt Wawrinka zwei Sätze lang stark mit. Sowohl der erste als auch der zweite Durchgang wurde erst im Tiebreak entschieden. Beide Male hatte der Italiener das bessere Ende für sich.
Danach schwanden beim Schweizer die Kräfte. Berrettini gewann den dritten Satz mit 6:0 und beendete Wawrinkas Grand-Slam-Karriere nach 2:54 Stunden.
Seine Karriere ist damit allerdings noch nicht ganz vorbei. Wawrinka will seine Laufbahn erst Ende Oktober in Basel beenden.
Wawrinka sorgt sich um die Zukunft des Schweizer Tennis
Das schwache Abschneiden in New York erhält durch Aussagen Wawrinkas zusätzliche Brisanz. Der dreifache Grand-Slam-Sieger sieht bei der Entwicklung des Schweizer Nachwuchses Probleme.
Gegenüber dem «Tages-Anzeiger» erklärte Wawrinka, dass es in der Schweiz durchaus immer wieder gute Spielerinnen und Spieler im Alter zwischen 14 und 18 Jahren gebe. Danach fehle jedoch etwas.
Der Routinier deutete gleichzeitig an, dass es schwierig sei, seine Erfahrung weiterzugeben. Er habe in der Vergangenheit immer wieder das Gespräch gesucht. Ratschläge würden allerdings wenig bringen, wenn sie am Ende niemand hören wolle.
Es sind bemerkenswerte Aussagen eines Spielers, der gemeinsam mit Roger Federer über Jahre die erfolgreichste Ära des Schweizer Herrentennis geprägt hat.
Wie geht es für das Schweizer Tennis weiter?
Dass in New York sämtliche Schweizer Einzel-Starter bereits nach der ersten Runde ausgeschieden sind, ist nur eine Momentaufnahme. Trotzdem zeigt das Turnier auch, wie sehr sich das Schweizer Tennis im Umbruch befindet.
Wawrinka steht unmittelbar vor seinem Karriereende. Golubic ist 33 Jahre alt. Die grössten Hoffnungen ruhen damit insbesondere auf Bencic und der nächsten Generation.
Auch Simona Waltert gehört mit 25 Jahren weiterhin zu den Schweizer Spielerinnen, die sich dauerhaft auf der WTA-Tour etablieren wollen. Ihr erstmaliger Einzug ins Hauptfeld der US Open war ein weiterer Schritt – auch wenn das Turnier für die Churerin früher endete als erhofft.
Wawrinkas Aussagen richten den Blick deshalb über das enttäuschende Abschneiden in New York hinaus. Nach einer aussergewöhnlichen Schweizer Tennis-Ära mit Federer, Wawrinka und Bencic stellt sich zunehmend die Frage, wer künftig auf der grössten Bühne für Schweizer Erfolge sorgen kann.