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Pro und Contra: Ist Joggen der perfekte Freizeitsport?

Nicht mehr zu heiss. Noch nicht zu kalt. Der Herbst ist auch die Jahreszeit der Läuferinnen und Läufer. Ist Joggen der perfekte Freizeitsport? Unsere Redaktoren sind sich uneins.

Südostschweiz
25.09.23 - 18:30 Uhr
Freizeitsport
Unterwegs in der Natur: Ein Aspekt, den viele am Joggen mögen.
Unterwegs in der Natur: Ein Aspekt, den viele am Joggen mögen.
Bild Walter Bieri / Keystone

Pro – Claudio Sidler

Wenn ich durch einen Wald laufe, ist plötzlich alles weg – und gleichzeitig alles da. Weg ist der Stress, die Termine, die To-Do-Liste. Da ist die ehrliche, und nicht immer nur positive, Reflexion mit mir selbst. Joggen reisst mich raus aus der Gesellschaft, da bin ich nur mit mir. Ich bin nicht erreichbar für Nachrichten, News und Anrufe. Nur erreichbar für meine eigenen Gedanken, die endlich verarbeitet werden können. Denn – ich gebe es zu – ich bin ein Newsjunkie.

Als Journalist ist das fast unumgänglich, trotzdem bin ich mit meiner «Diagnose» nicht alleine. Vielen geht es so in unserer Gesellschaft. Der Soziologe Hartmut Rosa spricht von einer «Überforderung und einer Zeitnot, die der technische Fortschritt mit sich bringt.» Diese neue Technik schenkt unserem Leben viele zusätzliche «freie» Stunden – beispielsweise durch das Auto, das uns schneller nach Hause bringt. Oder den Steamer, den Thermomix, der unser Essen in sekundenschnelle zubereitet. Die Optimierungsmöglichkeiten scheinen grenzenlos zu sein. 

Doch anstatt diese gewonnenen freien Stunden tatsächlich zur Erholung zu nutzten, füllen wir diese mit noch mehr Inhalten, Aufgaben und Anforderungen an uns selbst. Um diesen zu entsprechen, multitasken und beschleunigen wir unser Leben, manchmal gar über unsere körperlichen Grenzen hinaus. Die Folge davon: Stress. Zeitnot durch Zeitgewinn, wie es Rosa formulieren würde. 

Doch das Joggen holt mich zurück. Es schafft ein Bewusstsein für meine Grenzen. Da gibt es kein Velo, dass mich als Mensch schneller macht, als ich eigentlich bin. Das ist wichtig für den Kopf. Ich komme zur Ruhe. Mein Körper setzt klare Grenzen. Grenzen, die ich bei geistigen Aufgaben gerne ignoriere. Denn wie der Körper stösst auch unsere geistige Verarbeitungsfähigkeit einmal an sein Limit. Wieder ein Satz von Rosa, der sich eingeprägt hat. 

Ich empfehle darum allen, denen sich die Welt manchmal etwas zu schnell dreht, eine Runde zu Joggen. Um dabei das eigene Tempo im Leben zu finden. 

 

Ob Stadt oder Land: Joggen lässt sich überall.
Ob Stadt oder Land: Joggen lässt sich überall.

Kontra – Stefan Salzmann

Joggen? Nein danke. Das ist nichts für mich. Weshalb ich so denke? Aus verschiedenen Gründen. Zum einen liegen dafür die idealen Wetterverhältnisse irgendwo zwischen brütender Hitze und anhaltenden Regenfällen. Dieser optimale Zustand kommt bei der herrschenden globalen Erwärmung in unserem Lebensraum immer seltener vor. Entsprechend habe ich keine Lust darauf, dass mein T-Shirt schon nach dem ersten Kilometer völlig durchnässt ist – und zwar nicht aufgrund der körperlichen Anstrengung, sondern von den Regengüssen oder der Sonneneinstrahlung.

Zum anderen ist da das Erlebnis in der Natur. Oder in diesem konkreten Fall das Nicht-Erlebnis. Denn was hat man schon gesehen, wenn man von der Haustüre aus losrennt und nach spätestens zehn Kilometern wieder zu Hause ankommt? Richtig. Nicht viel. Deshalb: Lieber aufs Velo. Der Trainingseffekt ist mindestens gleich gross. 20, 30 oder auch noch ein paar Kilometer mehr sind schnell zurückgelegt und damit kommt man in kurzer Zeit auch deutlich weiter als beim Joggen. Sprich: Mehr Natur, mehr verschiedene Orte, mehr Vielfalt und dadurch deutlich mehr Freude. Obwohl man auch beim Velofahren von den idealen Wetterverhältnissen abhängig ist.

Und dann bleibt noch die Frage nach der Gesundheit. Dass Joggen einen positiven Einfluss darauf hat, lässt sich kaum verneinen. Aber: Gelenkschonend sind die Bewegungen auf unebenen Waldböden, über Wurzeln und Steine oder auf hartem Asphalt sicherlich nicht. Und auch schonendes und effizientes Abrollen der Füsse auf dem Untergrund hat wohl nicht jeder Jogger im Gespür. Da hilft auch der beste und teuerste Laufschuh nichts. 

Und für diejenigen, die joggen gehen, damit sie am schnellsten abnehmen? Denen sei gesagt, dass High-intensity interval training (HIIT) deutlich effektiver ist, welches in Fitnesscentern angeboten wird. Oder Seilspringen als Alternative. Das kann ich auch gut zu Hause auf dem flauschigen Teppich machen. Unabhängig vom Wetter, gesundheitsschonend und günstig. 

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