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«Wir pushten uns gegenseitig»

Am diesjährigen WM-Turnier in Prag und Ostrava sind vier Torhüter in den 1980er-Jahren geboren, mit Leonardo Genoni und Reto Berra kommen zwei davon aus der Schweiz. Ein Problem für die Zukunft?

Agentur
sda
18.05.24 - 04:30 Uhr
Eishockey
Leonardo Genoni (links) und Reto Berra während eines Gesprächs mit einem Journalisten
Leonardo Genoni (links) und Reto Berra während eines Gesprächs mit einem Journalisten
KEYSTONE/PETER SCHNEIDER

Leonardo Genoni und Reto Berra weisen beide Jahrgang 1987 aus. Die Wege der beiden kreuzten sich schon früh, in der Saison 2001/2002 spielten sie bei den Novizen der ZSC Lions erstmals im gleichen Team. 2007 zogen sie gemeinsam zum HC Davos weiter, ehe sie ab 2009 nicht mehr im gleichen Klub tätig waren. In Tschechien bestreiten sie nun ihre jeweils zehnte WM, die siebte zusammen.

Vom «Jubiläum» wussten beide nichts. «Als Sportler lebst du mehr im Moment», sagt Berra dazu im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Keystone-SDA. Nach der Beziehung untereinander gefragt, spricht er von einem «vertrauten Gefühl. Ich weiss genau, wie er tickt. Er ist ruhig und abgeklärt, die Leute sind gern um ihn herum.» Genoni bezeichnet das Verhältnis als freundschaftlich. «Er ist ein sehr gutmütiger und positiver Mensch.»

Viel voneinander profitiert

Zwar sind Genoni und Berra auch Konkurrenten, in erster Linie heben aber beide hervor, wie sehr sie voneinander profitiert haben. «Wir pushten uns gegenseitig», so Genoni. «Eine Rolle spielt natürlich auch, dass wir gleich alt sind und unsere Karrieren sozusagen parallel verlaufen sind.» Besonders beeindruckt Genoni an Berra, dass «er nie aufgibt. Bei ihm gibt es eigentlich nie ein Tor, bei dem er komplett ausgespielt wird.» Und umgekehrt: «Er vertraut seinem Stil, zieht ihn durch, was in der heutigen Zeit nicht einfach ist, da es so viele Einflüsse von aussen gibt.»

Für Genoni war früher die SCB-Legende Renato Tosio die Ikone, er hatte ein Poster von ihm im Zimmer. Bei Berra war Reto Pavoni, der langjährige Goalie von Kloten, das grosse Vorbild. Wegen ihm spielt er mit der Nummer 20. Er sei ein grosser Fan von Pavoni gewesen, erzählt Berra, der nach seiner Rückenoperation im November 2022 einige Zweifel hatte, ob er nochmals zur alten Stärke zurückfinden würde. Am meisten geprägt hat beide Marcel Kull, der langjährige Goalie-Trainer des HCD.

Nicht bedenklich?

So gut Genoni und Berra nach wie vor sind - ist es nicht bedenklich, zwei Torhüter mit Jahrgang 1987 im Team zu haben? Jedenfalls spricht das nicht für die jüngeren Goalies in der Schweiz. Genoni kann die Altersdiskussion nicht nachvollziehen: «Für mich gibt es nicht jung oder alt, sondern entweder bist du gut oder nicht. Man muss einfach die Leistung bringen.»

Wie sieht die Situation Peter Mettler, der Goalie-Trainer des Nationalteams? «Für mich ist die Rolle im Klub entscheidend. Es ist wichtig, die Erfahrung gemacht zu haben, was es bedeutet, wenn es wirklich zählt. Es ist immer eine Kontroverse, die fehlenden Jungen zu bemängeln, aber letztendlich gilt es an einer WM, mit dem bestmöglichen Kader anzutreten.»

Was zeichnet für ihn Genoni respektive Berra aus? «Beide sind bescheiden und voll fokussiert. Beide verfügen trotz der hohen Professionalität über die nötige Lockerheit. Man merkt ihre Erfahrung. Diese gibt ihnen Ruhe im Leben, und das überträgt sich aufs Eis. Leo kann sich zudem unglaublich gut einschätzen, setzt am Tag X hervorragend das zuvor Besprochene in die Tat um. Und er antizipiert unglaublich gut. Berra seinerseits spielte nach seiner Rückenoperation eine hervorragende Saison, was nicht selbstverständlich ist.»

Mettler betont aber, dass sich beide trotz des grossen Renommees an jedem Turnier das Vertrauen der Mannschaft von Neuem erarbeiten müssten. «Es muss Klick machen. Für mich ist der Begriff Momentum-Parade unglaublich wichtig. Wie beispielsweise der erste Schuss gehalten wird, hat eine enorme Wirkung aufs Team.»

Klar ist, dass Genoni und Berra dem Nationalteam nicht mehr ewig zur Verfügung stehen werden. Mettler malt zwar kein düsteres Bild, aber er sieht in der Nachwuchsausbildung durchaus noch einiges an Verbesserungspotenzial. «Um die Jungen weiterzubringen, müssen die Klubs einen klaren Plan haben. Wo spielt er, wenn er im ersten Jahr U20 ist? Wo spielt er, wenn er im dritten Jahr U20 ist? Gibt es eine Anschlusslösung in der MyHockey League oder in der Swiss League, wo die Jungen reifen können? Diesbezüglich können wir uns an Nationen wie Schweden oder Finnland ein Vorbild nehmen und uns sicherlich noch verbessern.»

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