Zwölf Jahre Haft wegen Brückeneinsturz in Genua
Es war eine Katastrophe mitten im Sommer, mitten in der Stadt, mitten im Hauptverkehr: Acht Jahre nach dem spektakulären Einsturz einer Autobahnbrücke im norditalienischen Genua, bei dem 43 Menschen ums Leben kamen, ist der Hauptangeklagte zu zwölf Jahren Haft verurteilt worden.
Ein Gericht in der Hafenstadt sprach den früheren Chef von Italiens Autobahngesellschaft, Giovanni Castellucci, schuldig. Der 66-Jährige war bei der Urteilsverkündigung nicht dabei: Er sitzt wegen eines tödlichen Busunglücks auf einer anderen Autobahn bereits im Gefängnis. Auch gegen andere Verantwortliche verhängte das Gericht mehrjährige Gefängnisstrafen – alles in allem fast 200 Jahre Haft.
600 Menschen verloren ihr Zuhause
In Genua war am 14. August 2018 um 11.36 Uhr die Brücke Ponte Morandi, die seit mehr als einem halben Jahrhundert durch die Stadt führte, plötzlich zusammengekracht. Auf einer Strecke von 200 Metern stürzte die Fahrbahn nach unten, weil ein Pfeiler nicht mehr hielt. Autos und Lastwagen wurden 45 Meter in die Tiefe gerissen. Experten kamen zur Einschätzung, dass die 1967 eröffnete Schrägseilbrücke wegen mangelhafter Wartung schwere Schäden hatte. Der Prozess gegen insgesamt 57 Beschuldigte dauerte vier Jahre.
Bei der Katastrophe starben nicht nur Autofahrer, die auf der Brücke waren, sondern auch mehrere Menschen am Boden. Sie wurden von herabstürzenden Betonteilen erschlagen. Zudem gab es 16 Verletzte. Etwa 600 Anwohner verloren ihr Zuhause. Mehrere Häuser mussten abgerissen werden, weil sie unter akut einsturzgefährdeten Brückenpfeilern lagen. Die restlichen Teile des Ponte Morandi – benannt nach dem Erbauer Riccardo Morandi – wurden schliesslich kontrolliert gesprengt.
Weil die Brücke in Genua wichtigste Verbindung zwischen Hafen, Flughafen und Zentrum war, war die Stadt mit ihren fast 600.000 Einwohnern zwei Jahre lang praktisch in zwei Hälften geteilt. Seit August 2020 steht an derselben Stelle eine neue Brücke, die von dem aus Genua stammenden Stararchitekten Renzo Piano entworfen und in Rekordzeit nach oben gezogen wurde. Auf ihr sind 43 Lichtmasten – ein Mast für jedes Todesopfer.