Ein doppelter 95.
Geboren wurden sie in Le Prese, direkt am «Lago di Poschiavo», in eine Familie mit acht Kindern. Die Familie war arm, das Geld knapp, alle Kinder mussten daheim mithelfen, und irgendwie fehlte es einem trotzdem an nichts. Dann kam der Krieg und erschwerte die bereits schwierigen Bedingungen zusätzlich. Entsprechend wurde genau abgewägt, was man sich leisten konnte, und so war es nur die einige Minuten ältere Bianca, die bei den katholischen Ingenbohler Schwestern in Brunnen die Handelsschule mit Diplom absolvieren durfte. Alice jedoch half im Haushalt der Eltern und kümmerte sich um die jüngeren Geschwister.
Zuerst Bianca, dann Alice
Als junge Frau heiratete Bianca den Puschlaver Guido Hess. Das junge Paar wohnte zuerst in Chur, dann in Klosters und 1956 zog es nach Davos. Guido war dann bis zu seiner Pensionierung als Betreibungsbeamter in Davos tätig. Als die beiden Söhne Lorenzo und Valentino sechs respektive vier Jahre alt waren, wagte Bianca den Schritt ins Geschäftsleben und übernahm die Pension Soliva, die heute von Valentino geführt wird.
Alice hatte sich derweil für den Emser Silvio Saluz entschieden, der als Teil der Instandstellungsmannschaft auf der Linie Chur – Arosa der RhB arbeitet. «Als der Mannschaftskoch ausfiel, sprang mein Mann ein», erzählt Alice. Mit dem Resultat, dass dieser anschliessend nicht mehr gefragt war und Silvio seine Bestimmung gefunden hatte. 1963 übernahm er nach bestandener Wirteprüfung das Hotel Lukmanier in Ilanz und führte es mit grosser Unterstützung von Alice zur Blüte. Doch die Pacht wurde wenige Jahre später aufgelöst, und die inzwischen sechsköpfige Familie musste sich neu orientieren. So kamen sie 1970 nach Davos, wo Schwester Bianca die zum Verkauf stehende Pension Theresia ausfindig gemacht hatte. Giorgio, der Jüngste, war damals gerade mal einjährig, Sandra und Carlo bereits Teenager und dazwischen gab es noch die sechsjährige Rita.
Singen als Hobby
Möglich war das alles nur, weil die beiden Schwestern immer auf eine grosse und einsatzfreudige Familie zählen konnten und auch durch ihre Ehemänner unterstützt wurden. Ausserdem kamen die jüngere Schwester und verschiedene Nichten nach Davos um etwas Deutsch zu lernen und etwas zu verdienen. «Weil wir aber italienisch sprachen, waren wir oft die ‹Tschinggen›», erinnert sich Bianca. Das habe sie einerseits verletzt, oft aber auch zu lustigen Situationen geführt. So habe einmal ein Cousin, der die Kinder beaufsichtigte, auf die Frage, wie alt denn Valentino sei, mit «ein Meter» geantwortet. «Alto, bedeutet auf italienisch hoch», fügt sie erklärend dazu und fährt fort: «Mit unserem südländischen Charme haben wir aber die Davoser für uns gewonnen und ich habe meinerseits Davos im Herzen.» Nichtsdestotrotz wurde in beiden Familien immer Italienisch gesprochen und dafür sind alle Kinder ihnen sehr dankbar.
Trotz ihrer vielfachen Aufgaben als Familien- und Geschäftsfrauen fanden die Schwestern Zeit, in verschiedenen Chören zu singen. «Für einige Zeit waren wir zusammen mit einem Puschlaver Handorgelspieler auch das ‹Trio di Poschiavo› und machten Volksmusik aus unserer Heimat», berichtet Bianca. Sie hätten Auftritte gehabt und auch eine Musikkassette eingespielt. In Davos waren sie für viele Jahre unverzichtbare Stimmen im katholischen Kirchenchor, denn die Kirche hatte für die beiden gläubigen Katholikinnen immer einen besonderen Stellenwert. «Ich war auch als Lektorin tätig», bemerkt Bianca.
Reisen nach Übersee
1983 musste das Ehepaar Saluz die Pension Theresia verkaufen, denn Silvio war schwer krank und verstarb nur drei Jahre später. Während Bianca bis zur Übergabe an ihren Sohn in ihrer Rolle als Gastgeberin aufging, war Alice anschliessend in verschiedenen Jobs tätig. «Ich war an der Garderobe während des WEF. Am meisten Freude machte es mir aber, wenn ich im Betrieb meiner Nichte im Puschlav als Gastgeberin auftreten konnte», erinnert sie sich. Mit dem Abschied vom Berufsleben kam auch die Möglichkeit zu reisen. Denn Alices Töchter leben oder lebten in den USA oder Ostasien. Diese besuchte sie verschiedentlich, zuletzt 2013, mit über 80 Jahren. So konnte sie auch ihre vier von fünf Enkeln in Übersee sehen. Inzwischen gibts da noch vier Urenkel, zwei in USA und zwei im Kanton Bern.
2004 verschied auch Guido, und die beiden Schwestern rückten durch dies noch viel näher zusammen. 2018 zogen dann beide ins neuerbaute «betreute Wohnen» der katholischen Kirchgemeinde ein, wo jede für sich eine Wohnung bezog. Vor drei Jahren musste Alice allerdings in ein Zimmer ins Zentrum Guggerbach umziehen, seit einem halben Jahr wohnt Bianca nun auch dort. Die beiden Schwestern waren schon früher eng verbunden, inzwischen fast unzertrennlich. So freuen sie sich mit Schalk, wenn sie wieder einmal verwechselt werden. Obwohl sie das eigentlich gar nicht anstreben. Doch sind sie sich in Geschmack und Vorlieben so ähnlich, dass sie sich oft fast identisch ankleiden, ohne sich abgesprochen zu haben. Mit grosser Dankbarkeit für all die Hilfe im jetzigen Alltag freuen sie sich auf ihren besonderen Geburtstag.