Zur Grundordnung der Stadt Chur: «Die Attraktivität der Zukunft festlegen»
von Laura Kessler
Frau Maissen, die Stadt Chur revidiert ihre Grundordnung. Was heisst das?
Sandra Maissen, Stadträtin: Die Grundordnung regelt, wie und wo in Zukunft gebaut werden darf. Die Revision dieser ist eines der wichtigsten Projekte, das Chur aktuell beschäftigt. Ein Generationenprojekt. Das Resultat ist schlussendlich ein revidiertes Baugesetz und revidierte Planungsinstrumente. Seit den Fusionen mit Maladers und Haldenstein arbeiten wir mit drei Baugesetzen. Ein Ziel der Grundordnungsrevision ist auch, die drei Baugesetze zusammenzuführen. Die Zusammenschlüsse der Gemeinden sind, neben den neuen Vorgaben in der Raumplanung, ein wichtiger Grund, warum wir dieses Projekt jetzt angegangen sind. Grob gesagt erarbeiten wir ein Baugesetz, einen Zonenplan, einen Gestaltungsplan und einen Erschliessungsplan. Vor einigen Monaten stellte sich dann die Frage, wie diese Erarbeitung am besten gelingt.
Wie denn?
Wir teilen das Projekt in zwei Phasen. In der ersten Phase diskutieren wir sieben Grundsätze. Dabei wird ein Gremium, ein sogenanntes «Soundingboard» beigezogen. Wie funktioniert Verdichtung? Welche Zonen sollen entstehen? Wie geht man mit qualitativen Vorschriften (Freiraum, Strassenraum etc.) um? Solche und weitere Fragen werden geklärt.
Das «Soundingboard» setzt sich aus verschiedenen Interessensgruppen zusammen. Unser Ziel ist es natürlich, ein mehrheitsfähiges Gesetz vorzulegen. Deshalb nehmen die Quartier- und Dorfvereine mit fünf Vertreterinnen und Vertretern Einsitz im «Soundingboard». Darunter die Dorfvereine von Haldenstein und Maladers. Die Bauerngenossenschaft, die Bürgergemeinde, die Bus und Service AG, der Gewerbeverein, der Hauseigentümerverband, die IBC, die IG der Churer Sportvereine, das Netzwerk Chur Mitgestalten, der Verein Kulturraumnetzwerk und der WWF sind ebenfalls mit von der Partie. Hinzu kommen der Bündner Heimatschutz, der Bündner Planerkreis und die SIA. Daraus hervorgehend, werden dann in einer zweiten Phase die Planungsinstrumente erarbeitet und das Baugesetz geschrieben.
Kommen wir auf die Dorfvereine Maladers und Haldenstein zu sprechen. Es ist das erste Mal, dass diese bei einer Revision der Grundordnung mitwirken. Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit zwischen der Stadt und den Dorfvereinen aktuell? Welche Aufgaben kommen den Dorfvereinen zu?
Mathias Caflisch, Dorfverein Maladers: Die Zusammenarbeit ist gut und eng. Wenn etwas geplant wird, kommuniziert die Stadt offen. Wir können unsere Bedürfnisse platzieren und werden ernst genommen. Wir fungieren als Sprachrohr zwischen der Maladerser Bevölkerung und der Stadt.
Giancarlo Weingart, Dorfverein Haldenstein: Wir machen in Haldenstein die gleiche Erfahrung und erleben eine intensive, aber sehr gute Zusammenarbeit mit der Stadt.
Die Hauptaufgabe unseres Dorfvereins ist es, zu vermitteln. Das wichtigste Ziel ist, den Charakter des Dorfes zu erhalten und die Gräben, die bekanntlich bei den Diskussionen zur Fusion entstanden sind, zu schliessen. Wir müssen aktiv bei der Haldensteiner Bevölkerung nachfragen und spüren, wo der Schuh drückt. Es geht darum, die Grundstimmung einzufangen und diese gegenüber der Stadt zu kommunizieren.
Die städtische Grundordnung legt fest, wie und wo in Zukunft gebaut werden darf. Sie bestimmt massgeblich, wo gewohnt, gearbeitet und eingekauft werden kann. Sie gestaltet das öffentliche Leben. Das vor Kurzem erarbeitete Stadtentwicklungskonzept 2050 legt die geplante räumliche Entwicklung der Stadt Chur fest. Auf dessen und auf Basis weiterer Grundlagen – wie beispielsweise den Baugesetzen der beiden neuen Ortsteile Maladers und Haldenstein – werden die bestehenden Raumplanungsinstrumente einer Überprüfung und Revision unterzogen. Die Revision soll bis 2026 ausgearbeitet sein. Für die Umsetzung sind zwei Phasen geplant. In der ersten Phase (2022/23) werden zu wichtigen Themen erste Grundsätze richtungsweisend behandelt und festgelegt. In der darauffolgenden zweiten Phase (2023/2024) werden dann die konkreten Planungsinstrumente ausgearbeitet. Von der Revision der Grundordnung sind alle Churerinnen und Churer betroffen. Deshalb ist es der Stadt Chur ein grosses Anliegen, dass bei diesem Generationenprojekt verschiedene Perspektiven, Meinungen und Wissensstände einfliessen, wie die Stadt in einer Mitteilung schreibt. Die Meinungsvielfalt wird in Form eines «Soundigboards» zusammengetragen.
Was ist den Dorfvereinen in Bezug auf die Grundordnung besonders wichtig?
Giancarlo Weingart: Die Erarbeitung ist unglaublich komplex. Wir haben es hier mit Ortsteilen zu tun, die einen völlig unterschiedlichen Charakter haben. Es ist eine grosse Herausforderung, die Interessen in einer Grundordnung zusammenzubringen. Die wertvollen Strukturen, bei uns der historische Kern mit dem Schloss, aber auch den dörflichen Charakter allgemein, sollen erhalten bleiben.
Die Baustrukturen eines Ortes haben einen Identifikationswert. Haldenstein hat eine spezielle Struktur, die den Ort ausmacht. Die Erwartung von Haldenstein ist effektiv, dass dieser dörfliche Charakter erhalten bleibt, auch als Teil der Stadt Chur. Für unsere Einwohnerinnen und Einwohner bedeutet die dörfliche Struktur Lebensqualität. Die muss erhalten bleiben. Zudem gilt es, Fragen in Bezug auf die Energieversorgung und den öffentlichen Verkehr zu klären. Diese zwei Bereiche sind im Wandel und wir müssen weit in die Zukunft denken. Auch ein Teil der Lebensqualität ist die gute Anbindung an Chur. Da spielt die Verkehrserschliessung ebenfalls eine grosse Rolle. Dadurch ist ein Zusammenrücken der Ortsteile im Sinne von schnellen Verbindungen möglich. Am Ende legt die Grundordnung auch die Attraktivität unseres Dorfes als Wohn- und Arbeitsort in der Zukunft fest.
Mathias Caflisch: Uns ist wichtig, dass das Baugesetz von Maladers gut integriert wird. Ich bin gespannt, wie das gelingt. Baulich ist die Stadt natürlich ganz anders strukturiert als das Dorf. Bei uns stellen sich in Bezug auf den öffentlichen Verkehr ebenfalls Fragen. Aktuell verkehrt das Postauto zwischen Chur und Maladers, eventuell wird es eines Tages der Stadtbus sein. Zudem sehen wir uns mit anderen Herausforderungen konfrontiert als die Stadt.
Die Einwohnerinnen und Einwohner schätzen unser Dorf, weil sie bei uns Ruhe finden. Sie arbeiten in der Stadt und wohnen auf dem Land. Viele haben ihr eigenes Haus. Diese Menschen suchen das Dörfliche. Sie suchen das Kleine. Das müssen wir erhalten.
Sandra Maissen: Die Lebensqualität steht klar über allem. Und die ist bereits hoch in Chur. Alles ist überschaubar und gut erreichbar. Zudem haben auch wir verschiedene Quartiere und Ortsteile, denen wir mit der Grundordnung gerecht werden wollen.
Wird die Stadt also dörflicher? Oder doch die Dörfer städtischer?
Sandra Maissen: Das Kleinräumliche, das die Herren Weingart und Caflisch bereits beschrieben haben, ist durch die verschiedenen Quartiere auch in der Stadt vorhanden. Das ergibt eine Vielfältigkeit, die erhalten werden muss. Doch wir sind auch das urbane Graubünden und das soll erhalten und gestärkt werden.
Giancarlo Weingart: Wenn man mal in einer grösseren Stadt gelebt hat und nach Chur zurückkehrt, merkt man, was Chur bietet. Die Lebensqualität ist sehr hoch und ich denke, Haldenstein und Maladers tragen zu dieser Attraktivität bei. Egal, wie gross eine Stadt ist, sie lebt von Quartieren. Vom Kleinräumlichen. Das färbt wohl vom Dorf auf die Stadt ab. Doch die Überarbeitung der Grundordnung bietet den Dörfern auch die Möglichkeit, bestehende Regelungen zu hinterfragen.
Mathias Caflisch: Das Dörfliche darf dörflich bleiben und das Städtische städtisch. Um eben genau diese Vielfalt zu erhalten.