Ein Zermürbungskrieg ohne Aussicht auf ein schnelles Ende

Die russischen Streitkräfte setzen ihren Vorstoss im Sommer 2026 fort. Ihre Taktik hat sich seit dem letzten Jahr nicht geändert, bringt jedoch weniger Erfolg. Es könnte durchaus sein, dass das Fehlen neuer, wirksamer Taktiken der Grund dafür ist, dass sich die Russen seit diesem Sommer an der Front in einer Pattsituation befinden.
Ihre Offensivbemühungen verliefen in diesem Jahr nach einem ähnlichen Muster wie im Februar bis April 2025. Nach der Umstrukturierung der Streitkräfte im damaligen Winter gewannen sie an Dynamik. Sie rückten täglich 5 bis 8 Kilometer vor.
Dann, nachdem das neue Laub der Baumreihen Deckung bot und die Strassen abgetrocknet waren, erreichten die Russen im Juni und Juli 2025 den Höhepunkt ihres Vormarsches. Dabei war die Dynamik für sie besser als im Vorjahr 2024.
In diesem Jahr wurde dieses Muster von den ukrainischen Streitkräften durchbrochen. Anstatt wie damals 15 bis 20 Quadratkilometer pro Tag vorzustossen, erobern die Russen verschiedenen Beobachtern zufolge nun nur noch 1 bis 2 Quadratkilometer pro Tag.
Um diesen geringen Vormarsch zu erreichen, führen die Russen eine beispiellos hohe Anzahl von Angriffen durch und verlieren dabei eine beispiellos hohe Zahl an Soldaten. Nach Angaben des ukrainischen Generalstabs verloren die Russen im Juli dieses Jahres fast 43'000 Soldaten durch Tod oder Verwundung.
Die russische Kampfkraft lässt nach
Um 1 bis 2 Quadratkilometer zu besetzen, führen die Russen derzeit fast 260 Angriffe durch und verlieren dabei fast 1400 Soldaten. Während des letzten raschen Anstiegs der Angriffszahlen Ende 2024 stieg die Wirksamkeit der russischen Angriffe an, was 2026 nicht mehr der Fall ist. Das russische Modell der Söldnerarmee kann dieses Ausmass an Verlusten nicht verkraften, sodass die russische Armee zahlenmässig stagniert.
Das russische Militär setzt auf dieselbe Taktik wie im Jahr 2025 – Luftüberwachung des Schlachtfelds und Infiltration durch Kleingruppen. Die Rolle von Lenkbomben spielt bei Luftangriffen mittlerweile eine grössere Rolle. Die Russen setzen nun pro Monat durchschnittlich 8000 Lenkbomben mit einem Gewicht von jeweils 250 bis 1500 Kilogramm ein. Gelegentlich kommen auch Bomben mit einem Gewicht von 3 Tonnen zum Einsatz.
Die russische Kampfkraft lässt nach, dennoch sind sie weiterhin in der Lage, auf den Hauptrichtungen Vorstösse zu erzielen. Dies gilt vor allem für den Bereich nahe dem Festungsgürtel des Ballungsraums Slowjansk-Kramatorsk.
Die Frontlinie rückte zuletzt monatlich um 4 bis 5 km vor, wodurch sich die Russen diesen Städten aus nordöstlicher Richtung bis auf etwa 10 Kilometer näherten. Kostiantyniwka am südlichen Ende dieses Festungsgürtels ist von drei Seiten umzingelt und wurde von den Russen tief durchdrungen.
Nur wenige glauben, dass Kostiantyniwka zurückerobert werden kann, so wie es im Fall von Kupiansk in der Region Charkiw gelang. Im Gegensatz zu Kupiansk bietet Kostiantyniwka den Ukrainern keine landschaftlichen Vorteile.
Die meisten Analysten bezweifeln dafür, dass Kramatorsk und Slowjansk bis Ende dieses Jahres, wie von Putin gewünscht, besetzt sein werden.
Die wichtigste Nebenoffensive der Russen findet in der Nähe von Huliaipole statt, wo sie nach Westen vorstossen. Dies ist das Gebiet, das die Russen nach dem Festungsgürtel von Donezk am intensivsten aus der Luft bombardiert haben.
Die Russen erzielten in dieser für die Stadt Saporischschja wichtigen Richtung nur geringfügige Fortschritte. Es gelang ihnen jedoch, ihre Infiltrationsgruppen in zahlreichen Orten zu platzieren, darunter Orichiw und Mala Tokmatschka.
Die Russen greifen weiterhin Dörfer in der Nähe der ukrainischen Grenze in der Region Charkiw an.
Die ukrainischen Streitkräfte ihrerseits haben die Russen südlich von Saporischschja zurückgedrängt, wo die Regionen Donezk, Saporischschja und Dnipropetrowsk aufeinandertreffen.
Beide Seite haben Rekrutierungsprobleme
Es ist aber unklar, wie die Ukrainer das Problem der Mobilisierung lösen könnten, um ihre Verteidigungslinien zu verdichten und den Infiltrationsgruppen des Feindes entgegenzuwirken.
Andererseits werden auch den Russen die Kräfte fehlen – mindestens bis im Winter, wenn sie sich möglicherweise entscheiden werden, ihre Mobilisierungsbemühungen zu intensivieren.
Die Russen haben weiterhin einen Vorteil bei den Luftangriffen. Nun haben sie einen zusätzlichen Vorteil durch ballistische Raketenangriffe, denen die Ukrainer nichts entgegenzusetzen haben.
Die Ukraine kann mit dem neuen Oberbefehlshaber der Streitkräfte, Mychajlo Drapatyj, auf frischen Wind in der militärischen Führungs- und Kontrollpraxis hoffen. Es wird jedoch kaum möglich sein, die Natur einer riesigen Militärmaschine und ihr Zusammenspiel mit der Gesellschaft radikal zu verändern.
Während die Lage an der Front und die dort angewandten Taktiken stagnieren, hat sich der Krieg durch Angriffe auf mittlere und grosse Entfernungen ausgeweitet. Der Zermürbungskrieg lässt kein baldiges Ende erkennen.
Über den Autor
Unter dem Namen Viktor Schewtschuk schreibt an dieser Stelle regelmässig ein ukrainischer Militärexperte, Politikwissenschaftler und aktiver Offizier. Er drückt seine persönliche Meinung aus, die auf allgemein zugänglichen Informationen beruht.