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Schweiz und Welt

«Wir müssen von diesem Allmachtsgedanken wegkommen»

Südostschweiz
28.10.2020, 04:30 Uhr
gestern um 16:56 Uhr

Hören statt lesen? Hier die Antworten von Kantonsärztin Marina Jamnicki im Audio:

Die zweite Welle ist da und wir müssen davon ausgehen, dass diese noch mindestens bis im Frühling dauert. Wie optimistisch sind Sie?

Marina Jamnicki: Ja, wir müssen uns in der Tat darauf einstellen, dass es bis im Frühling dauert. Im Kanton Graubünden sind wir gut aufgestellt. Wir haben genügend Kapazitäten für die Spitalpflege, die Diagnostik und auch die Antigen-Schnelltests werden bald bereit sein. Nichtsdestotrotz werden wir alle viel Geduld aufbringen müssen. Ich sage es offen: Wir müssen lernen zu akzeptieren, dass Menschen erkranken, ins Spital eingeliefert werden müssen und dass Menschen sterben werden. Diesen Punkt haben wir bis jetzt noch viel zu selten erwähnt. Es herrscht in der Bevölkerung nach wie vor die Meinung, die Pandemie könne von irgendjemandem ohne Weiteres eingedämmt werden. So einfach geht das nicht. Die Menschheit hat in der Vergangenheit schon viele Pandemien durchgemacht und wir haben weltweit heute zwar den besseren Überblick und sind koordinierter als vor 100 Jahren, aber schlussendlich ist das Virus eine Tatsache und die Möglichkeiten dagegen vorzugehen sind mehr oder weniger die gleichen wie damals: Abstandhalten und Maske tragen.

Das klingt nicht sonderlich optimistisch.

Ich würde eher sagen realistisch, statt «nicht optimistisch». Wir müssen vom Allmachtsgedanken wegkommen, dass der Bundesrat oder die Kantonsregierungen es richten können. Niemand kann das Virus wegzaubern, sondern es sind nun alle gefragt. Mit den aktuell geltenden Schutzmassnahmen, Abstand und Hygiene, geht es darum, die zweite Welle etwas in die Länge zu ziehen, damit nicht alle gleichzeitig ins Spital müssen und unsere Spitäler nicht überlasten. Wir können die negativen Folgen des Virus vermindern, aber nicht verhindern.

Mit Marina Jamnicki hat RSO-Reporter Simon Lechmann gesprochen.