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Schweiz und Welt

Wie die Zeitung zur Helferin wurde

Simone Zwinggi
23.11.2020, 04:30 Uhr
gestern um 12:16 Uhr

Als apokalyptisch beschreibt Dario Morandi das Bild, das sich ihm und seinem Kollegen, dem Fotografen Theo Gstöhl, damals im süditalienischen Bergdorf Ricigliano bot: «Unzählige eingestürzte Häuser, Schutt auf den Strasse und Menschen, die sich in diesem nass-kalten Winterwetter mit Zelten und behelfsmässigen Unterständen ein vorübergehendes Zuhause erstellt hatten.» Diese Bilder sind Morandi auch nach all den Jahren präsent.

Von Tankstelle zu Tankstelle

Es war zu Beginn von Morandis Tätigkeit bei der damaligen «Bündner Zeitung», als das Erdbeben der Stärke 6,89 auf der Momenten-Magnituden-Skala Süditalien erschütterte. Der Churer Pfarrer Francois Aebi habe auf der Redaktion angefragt, ob man seine Hilfsaktion unterstützen und journalistisch begleiten möchte, erzählt Morandi.

Mit Kollege Gstöhl reihte er sich sodann in den ersten von neun Wohnwagenkonvois ein. Die Details zur Fahrt entlocken ihm noch heute ein Schmunzeln: «Wir waren mit einem alten Range Rover unterwegs, der etwa 25 Liter Benzin pro 100 Kilometer verbrauchte. Wir mussten unzählige Male anhalten, um zu tanken.» Weniger amüsiert war Morandi dann über die Art, wie ihr Wohnwagen entgegengenommen wurde. «‘Unser‘ Wohnwagen war sehr gross und schön. Diesen wollte sich der Sindaco, der Gemeindepräsident, nach unserer Ankunft sogleich schnappen.» Gleichzeitig hätte dieser die Bevölkerung mit dem Bezug der Wohnwagen noch um ein paar Tage vertrösten wollen, bis er in Ruhe einen Plan für die Zuteilung erstellt hätte.

Wie im Zeitungsartikel vom 9. Dezember 1980 festgehalten ist, konnten die Bewohner von Ricigliano aber dennoch zügig ihre provisorischen Unterkünfte beziehen. Pfarrer Aebi und das Schweizer Fernsehen hätten dem Sindaco Druck gemacht. Letzteres habe für die Berichterstattung möglichst schnell den Bezug der Wohnwagen filmen wollen, schrieb Morandi damals.

Gelebte Gastfreundschaft

So ungemütlich das Wetter und habgierig einzelne Menschen, so freundlich war der grösste Teil der Bevölkerung. «Die Menschen waren ungemein dankbar für unsere Hilfe. Sie luden uns zum Essen ein, waren sehr hilfsbereit und gastfreundlich», erinnert sich Morandi. Die lange Fahrt, das Bild der Zerstörung vor Ort, der Verteilkampf und die grosse Dankbarkeit der Bevölkerung – Morandi spricht von prägenden Erlebnissen, die er vor 40 Jahren machen durfte. «Diese Zeitungsreportage-Reise nach Süditalien ist mir sehr eingefahren.»

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