Wie die Ostschweiz zu sauberen Gewässern zurückkehrte
Verschmutzte Seen und Bäche gehörten lange zum Alltag in der Schweiz. Heute gilt die Abwasserreinigung als Erfolgsgeschichte – in der die Stadt St. Gallen eine Vorreiterrolle spielte. Ein kurzer Abriss zeigt, wie tiefgreifend sich die Situation in der Ostschweiz verändert hat.
Verdreckte Dorfbäche, Schaum und Algen im See: Bis vor 50, 60 Jahren waren viele Naturgewässer in der Schweiz schmutzig, es stank. Das Bundesamt für Umwelt (Bafu) schreibt, dass hierzulande in den 1960er-Jahren das Baden in Naturgewässern an manchen Stellen verboten gewesen sei. Hauptproblem: Siedlungs-, Gewerbe- und Industrieabwässer, die ungereinigt in die Gewässer abgeleitet wurden. Die Ostschweiz machte da keine Ausnahme. Ein Spaziergang am Bodensee sei von getrübter Freude gewesen, erzählen ältere Leute.
Zwar kannte man auf dem Gebiet der Schweiz in römischer Zeit Abwasseranlagen, wie Historiker Martin Illi im Historischen Lexikon der Schweiz (HLS) schreibt. Aber bis weit in die Neuzeit blieb Abwasser ein Problem für Nase und Gesundheit. Laut Illi erhielten in der Schweiz Mittel- und Kleinstädte sowie ländliche Siedlungen erst im 20. Jahrhundert Kanalisationen – Chur zum Beispiel 1907, Winterthur 1950. Zwar hätten englische und amerikanische Ingenieure kurz nach 1900 die ersten funktionstüchtigen mechanisch-biologischen Klärwerke entwickelt, in der Schweiz sei die «Rezeption der Abwasserreinigung» aber nur zögernd verlaufen.
Stadt St. Gallen als Vorreiterin der Abwasserreinigung
Immerhin: St. Gallen baute 1917 die erste mechanisch-biologische Kläranlage in der Schweiz: die Abwasserreinigungsanlage (ARA) St. Gallen-Hofen. Deren Einzugsgebiet umfasst das Zentrum und den Osten der Stadt St. Gallen sowie die Gemeinde Wittenbach und Teile der Gemeinde Speicher. War sie damit Vorreiterin? «Ja, die Stadt St. Gallen war mit der 1917 in Betrieb genommenen Anlage Hofen eine Vorreiterin in der Abwasserreinigung in der Schweiz», bestätigt Marion Kaufmann, Sektionsleiterin Abwasser beim St. Galler Amt für Wasser und Energie (AWE). 1932 sei dann in Buchs die zweite Abwasserreinigungsanlage im Kanton in Betrieb genommen worden.