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Schweiz & Welt

Geburt und Kindheit

Davoser Zeitung
08.10.2023, 17:00 Uhr
heute um 12:16 Uhr

An den «Kleinen Alpen» weit hinten im Sertigtal erblickte der erstgeborene Sohn des Ehepaares Issler-Flury, wiederum ein Gaudenz, am 11. Juli 1853 das Licht dieser Welt. Bereits am zweiten Lebenstag trug oder fuhr man das Neugeborene «an den Platz», nach Davos-Platz, in die Hauptkirche zu St. Johann zur Taufe. So be­stätigt es das Davoser Kirchenbuch, in späteren Urkunden gilt allerdings der 12. Juli als Tag der Geburt, und zeitlebens wurde auch dieser Tag gefeiert. «Sei willkommen in dieser Welt!», dies wünschte ihm «seine getreue Taufzeugin Dorodea Isler». Die Kleinen Alpen «hinter den ­Eggen» sollen der Familie schon anno 1800 gehört haben. Eine erste Alphütte wurde 1874 von der Lawine weggerissen.

Im schönsten Hochsommer also, da man an den Alpen lebte, um dort das Vieh im kräftigen Berggras zu sömmern, zur Zeit der Alpenrosenblüte, wurde dieser Urenkel eines Bärenjägers geboren. Man muss es erlebt haben, das sommerliche Sertig mit seinem Heuduft und den unzähligen rauschenden Quellen und Bächen! Das Tal mit dem vielphotographierten weissen Kirchlein unter den drei bekannten Bergen Mittagshorn, Plattenfluh und Hochducan war bis 1699 ganzjährig bewohnt und trug den Namen Sartyg. Hoch oben im Ducantal sprudelt eine Quelle, die im Volksmund «zum guten Wasser» heisst. Sie war früher als heilkräftig bekannt, man trank daraus und nahm den Trunk auch nach Hause. Am Heuersonntag, dem Sertiger Erntedankfest alter ­Tradition, soll in früheren Tagen die Jungmannschaft nach dem Tanze gemeinsam zu dieser Quelle gepilgert sein, um davon zu trinken. Altes, fast vergessenes Brauchtum ...

Glückliche Hüterbubenzeit

In dieser abgelegenen Welt erlebte ­Gaudenz seine ersten jungen Sommer. Zuerst in freiem Spiele, ohne gekauftes Spielzeug, doch mit einem ganzen Stall voller «Beinächüe». Dieses Spiel mit gewaschenen Rinderknochen war einst im hohen Norden, in Russland und gar in Südafrika bekannt, wie es die Museen beweisen. Bald schon begann aber der Ernst des Lebens, Gaudenz wurde verantwortungsbewusster Hüterbube. Bei Wind und Wetter, in sengender Sonne oder unter strömendem Regen, bei Blitz und Donnerschlag, wie er nur in den Bergen dröhnt, galt es, seinen ihm anvertrauten und für die Familie so kost-baren Schützlingen nachzujagen, um sie vor Unheil zu bewahren. Daneben gab es lange Tage des Herumstehens- oder Sitzens, des endlosen Wartens und Nachdenkens. Bei diesem einsamen Vieh­hüten, davon sind wir überzeugt, formte das Büblein seine erste Lebens-philo­sophie! Er beobachtete, verglich und träumte. In sehr späten Jahren noch erzählte er leuchtenden Auges von seinen Tagen als Hüterbube. Heute hält es schwer, sich die Genügsamkeit vor hundert Jahren überhaupt vorzu­stellen.

Vorsorglich packte die Mutter «z'Maränd», die einfache Verpflegung, ins Ränzlein, Milch und frisches Quellwasser löschten den Durst. Mit dem Hegel, dem Sackmesser, wurde eifrig «gebätschgede», was auf Davoserdeutsch schnitzen bedeutet. So ergab sich die erste Begegnung mit Holz, Form und einfacher Mechanik ganz von selbst. Einmal entstand gar unter der Anleitung eines Tiroler Knechtes, wie man uns im Landesmuseum sagte, eine selbstgebaute und prächtig verzierte Zither! Sehr ähnliche Stücke des Museums in ­Zürich stammen aus dem Tirol.

Übrigens bereicherten auch die Tiroler Krämerinnen mit frischen Birnen die einfache Kost. Dabei wurde die Ware mit der mitgetragenen Hängewaage gemessen. Man lebte von «Türggenribels, Pleins und weissen Räben, welche neben dem «Chruude, dem Mangold, im Gärtchen vor dem Büdemjihaus gediehen. Nie aber fehlte in jenen winzigen Gärten die Poesie in Form von Buschnägeli, Godetien und Reseda. Im Haus pflegte man einen Myrtenstock im Hinblick auf kommende Heiraten liebevoll. Man streckte den Spinat mit Heimelen-Kraut. In der Alp dann kam der besondere ‹Alp-Tatsch› mit Schnittlauch auf den rohhölzernen Tisch. Im weiteren folgte man der einfachen und sicher gesunden Maxime: ‹Wenns nud meh hed, so hed ma gnueg.› Bei ­allerlei Gebresten halfen frische Heilkräuter; über kleine offene Wunden liess man als Antiseptikum fröhlich das eigene Wässerchen plätschern ...

Aus dem Buch «Gaudenz Issler (1853 – 1942): Baumeister und Land­ammann: ein Davoser Lebensbild» von Leni Henderson-Affolter, erschienen 1979

Das Leben von Gaudenz Issler, Teil 1

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