Wenn der Mensch von einer Toilette mit Spülung träumt

Eine Toilette mit Spülung ist ein Luxus, von dem man träumen kann. Das wurde mir bewusst, nachdem ich zwei Wochen lang im Rahmen eines Militäreinsatzes im Feld verbracht hatte – ohne die Annehmlichkeiten, an die die meisten Menschen gewöhnt sind. Eine weisse und saubere Toilettenschüssel erfüllte mich 2014 in einer kleinen Stadt im Donbass mit grosser Freude.
Ich hatte seither viele Gründe, über Dinge nachzudenken, die Menschen in der heutigen Zivilisation als selbstverständlich ansehen. Ist es nicht ein Wunder, über eine zentralisierte Trinkwasserversorgung zu verfügen? In Europa erhält man mit einer Handbewegung einen Strahl sauberen Wassers. Dieses Wasser wird von komplexen Maschinen gepumpt. Es wird aufbereitet und gefiltert, bevor es über ein kilometerlanges Rohrnetz verteilt wird. Ist das nicht ein Wunder?
Das Wasser aus den Brunnen auf dem Land bei Saporischschja ist von schlechter Qualität. Es hat einen hohen Alkaligehalt. Es ist nicht trinkbar und eignet sich nicht einmal zum Giessen von Pflanzen. Auch die Wasserqualität in Kiew hat sich seit Beginn des gross angelegten Krieges Russlands gegen die Ukraine verschlechtert.
Menschen trinken Wasser aus Pfützen oder ihren eigenen Urin
Das Militär verwendet überwiegend Wasser aus Flaschen. In manchen Fällen nutzen die Menschen an der Front Wasser, das mit speziellen Tabletten gereinigt wurde. Diese «Wundertabletten» enthalten in der Regel Chlor. In Extremfällen trinken die Menschen Wasser aus Pfützen, Regenwasser oder ihren eigenen Urin.
Sie konkurrieren zudem mit streunenden Hunden und anderen Tieren um Lebensmittel, die von Drohnen aus der Luft abgeworfen werden.
Vor dem Ersten Weltkrieg stand in Europa nur einem von fünf Menschen eine zentralisierte Wasserversorgung zur Verfügung. Am Vorabend des russischen Krieges gegen die Ukraine und den Westen lag diese Zahl bei rund 90 Prozent. Für die Menschen an der Front ist diese Frage eine Frage von Leben und Tod, nicht nur eine der Bequemlichkeit.
Auch eine warme Wohnung ist eine Art Wunder. Viele Menschen in der Ukraine haben Zentralheizung – entweder über Warmwasser oder Strom. Die Wärme und der Strom werden in grossen Kraftwerken erzeugt, weit entfernt von den Wohnungen der einzelnen Stadtbewohner. Riesige Industrieanlagen mit hohen Schornsteinen, die die Abgase der Energieerzeugung so hoch wie möglich ausstossen – um die Stadtluft vor Verschmutzung zu schützen. Die Wärme und der Strom werden über Kilometer hinweg transportiert, wobei auf dem Weg hohe Energieverluste in Kauf genommen werden.