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Schweiz & Welt

Die Dankbarkeit ist gross

Barbara Gassler
13.09.2023, 12:00 Uhr
heute um 12:16 Uhr

«Posten stehen», nennen die vier Samariterinnen, was sie da tun. Am besten sei es, wenn sie nichts zu tun hätten, sagen sie. Doch das ist Wunschdenken. Schon bald taucht ein Mädchen auf. Es hat einen Ellbogen ins Gesicht bekommen. Mit einem Beutel voller Eiswürfel verlässt es den Samariterposten wieder. Derweil ist für die Samariterinnen Zeit, Werbung in eigener Sache zu machen. Denn an diesem 9. September ist auch der Welt-Erste-Hilfe-Tag 2023, und Passanten werden mit Pflastern und einem Ratgeber zur Ersten Hilfe ausgerüstet. Mit dabei ist auch ein Los für einen Gutschein zu einem Nothelfer-Kurs. Diesen und die ­anschliessende Samariter-Ausbildung haben die Frauen beim Postenwagen schon lange hinter sich. Viele von ihnen kommen zusätzlich aus dem medizinischen Bereich. «Uns verbindet der Wunsch, helfen zu können», erklären sie. «Besonders befriedigend finde ich es, wenn ich Kindern helfen kann», sagt Heidi. «Oft brauchen sie nur, dass man sich um sie kümmert und etwas aufklebt. Dann sind sie schon wieder fit.» Ein in der Nähe ­stehendes, weinendes Mädchen wird angesprochen. Es wurde von einem Ball in die Magengrube getroffen. Die Samariterinnen lassen es sich im Postenwagen hinlegen. «Es kann alles oder nichts sein», erklären sie. «Darum beobachten wir zuerst einmal.» Dank ihrer Ausbildung könnten sie bald abschätzen, ob ein Moment der Ruhe reiche oder ob medizinische Hilfe beigezogen werden müsse. «Wir gehen lieber immer vom Schlimmsten aus.» 

Sehr unterschiedliche Bedürfnisse

Aufgeboten werden die Mitglieder des Samaritervereins Davos gleichermassen für sportliche Anlässe als auch für Kongresse oder Firmenveranstaltungen. Beim HCD zum Beispiel würden sie sämtliche Spiele von den Nachwuchsmannschaften bis zu den Eliteteams begleiten. «Wenn wir Glück haben, können wir die Spiele verfolgen, oft müssen wir aber anschliessend nachschauen, wie es ausging.» Von Kreislauf-Zusammenbrüchen – «Viele vertragen die Höhe nicht» – bis zu Verbrennungen in den Küchen sei die Bandbreite der Notfälle gross. 

In vielen Fällen ist die Präsenz von Nothelfern Vorschrift. «Doch viele Organisatoren möchten aus finanziellen Gründen gerne darauf verzichten.» Anders hingegen die Teilnehmenden. «Sie sind so dankbar, dass wir da sind.» Dabei ist jeder Einsatz für die Samariterinnen auch ­wieder ein Dazulernen. Hanny war am OL-Weltcupfinale vom vergangenen ­Oktober am Wolfgang dabei. «Der anwesende Arzt instruierte uns, jedes noch so kleine Steinchen aus Schürfwunden auszuwaschen.» Deren habe es zwar viele gegeben, doch alle Athleten hätten am nächsten Tag wieder starten können. 

Aus ihrem Erste-Hilfe-Koffer können die Samariterinnen auf eine grosse Zahl diagnostischer Hilfsmittel zählen. Die abschliessende Entscheidung, ob weitere medizinische Hilfe angefordert werden muss, kann ihnen jedoch niemand abnehmen. «Als bei einem Juniorenspiel ein Junge in die Bande knallte, wollte der Trainer von einer Abklärung im Spital erst nichts wissen», berichtet Christine. «Als das Kind am Mittag nichts essen wollte, habe ich insistiert.» Der Trainer habe sich später bei ihr entschuldigt. Die Blessur hatte sich als Oberarmbruch ­herausgestellt. Manchmal sind die Samariterinnen auch nur der verlängerte Arm besorgter Eltern. «Bei einem Hockey-Spiel verdrehte sich ein Junge das Bein und hatte Schmerzen. Da musste ich beim Trainer intervenieren, dass er nicht mehr auf Eis geht», berichtet Monica. «Später kam die Mutter zu mir und sagte, wie dankbar sie für mein Eingreifen gewesen sei.» Wie gravierend das medizinische Problem tatsächlich gewesen sei, habe sie allerdings nie erfahren. 

Heimlicher Star

Anders ging es aus, als Christine an einem anderen Schülerfussball-Turnier von Kindern eine flugunfähige Fledermaus gebracht wurde. «Wir boten ihr etwas zu trinken an und informierten die Fledermausbeauftragte.» Bis zu deren Eintreffen hätten die Kinder einzeln die Fledermaus anschauen dürfen. «Für die Meisten war es die erste solche Begegnung.» Die Fledermaus sei zum heimlichen Star des Turniers geworden und habe tatsächlich wieder aufgepäppelt werden können. «Im darauffolgenden Jahr fragte mich ein Kind, ob wir wieder eine Fledermaus ­hätten», lacht die Samariterin. 

Inzwischen hat die Mutter ihre im Wagen liegende Tochter besucht und beschlossen, dass sie genügend Ruhe gehabt habe. Auf noch wackligen Beinen begleitet sie diese zum Spiel ihrer Mannschaft. Die ­Samariterin zuckt die Achseln und füllt ein Formular aus, auf dem der Fall dokumentiert wird. «Schliesslich liegt es im Ermessen eines jeden Einzelnen. Wir können nur Empfehlungen aussprechen.»

www.samariterverein-davos.ch