«Sie geniessen einfach die Zeit»
Iris betrachtet die kurze Videosequenz mit einem Kopfschütteln. «Noch einmal machen die das nicht.» Zu sehen ist, wie zwei aufgrund ihrer Kleidung eindeutig als jüdisch zu erkennende Männer sich mit einem Kinderwagen einen Biketrail hinunter quälen. Seit inzwischen fünf Jahren erlebt Iris die «jüdische Hauptsaison» als eine der in Davos stationierten Likrat-Vermittler mit. Als solche ist es eine ihrer Aufgaben, auf die jüdischen Gäste zuzugehen und nach ihrem Befinden zu fragen. «Sie sagen mir einhellig, wie toll für sie die Zeit in Davos ist, und wie sehr sie sie geniessen.» Rückmeldungen über Unfälle oder Situationen, wie in dem Video gezeigt, hatte sie nie. Überrascht ob der Bilder ist sie aber nicht. «Diese Leute kommen wahrscheinlich aus einer sehr städtischen Umgebung. Sie haben keine Ahnung, womit sie hier in den Bergen rechnen müssen.» Dass aus einem anfänglich einladenden Weg plötzlich ein schmaler, steiniger Pfad werden könnte, sei für sie schlicht nicht vorstellbar. «Und selbst, wenn man sich damit konfrontiert sieht, glaubt man doch, es sei nur ein kurzes Wegstück, das einfach zu überwinden sei.» Dann komme es zu Situationen wie im Video. Doch massenhaft würden sich die Leute nicht solchermassen verirren, ist die Likratina überzeugt. «Allerdings, wenn es an einem Ort, wie gerade jetzt in Davos, an die 4000 jüdische Gäste hat, reichen natürlich ein paar wenige.»
Abhilfe schaffen könne da nur bessere Information. Und zwar über das Tourismusbüro. «Dahin wenden sich die meisten zuerst, um sich beraten zu lassen.» Heuer sei ihnen da zum ersten Mal ein Merkzettel abgegeben worden, auf dem die wichtigsten Regeln bezüglich Abfall, Reinigung und Picknick aufgeführt sind. «Warum nicht so etwas machen mit Hinweisen zu Wegstrecken und Gefahrenquellen?», fragt Iris. Diese Merkblätter müssten zusätzlich bei den Wohnungsvermittlern und den koscheren Hotels aufliegen. Über das Internet könnten diese Gäste wiederum kaum erreicht werden, weil sie es gar nicht nutzten.