Ungarn vor dem Machtwechsel? Orban muss im Wahlkampf zittern
Gut eine Woche vor der Parlamentswahl in Ungarn am 12. April ist Peter Magyar, der Herausforderer von Ministerpräsident Viktor Orban, im Wahlkampf-Turbomodus. Vier bis sechs Auftritte am Tag absolviert 45-jährige Rechtsanwalt – in Dörfern, Klein- und Grossstädten.
So etwa Anfang der Woche in Gyula, einer Kleinstadt im Südosten an der Grenze zu Rumänien. Ein Lichtermeer aus Smartphone-Lampen empfängt den Shootingstar, der den Rechtspopulisten Orban nach 16 Jahren von der Macht verdrängen könnte. In unabhängigen Meinungsumfragen liegt seine Partei Partei für Respekt und Freiheit (Tisza) deutlich vor Orbans Bund Junger Demokraten, (Fidesz).
Die Bühne steht vor der imposanten mittelalterlichen Burg von Gyula. «Arad a Tisza!» – «die Tisza schwillt an», skandiert die Menge. Denn Tisza bedeutet im Ungarischen auch den Fluss Theiss. Es ist ein Ruf aus 1.500 Kehlen, so die Schätzung des dpa-Reporters. Es ist eine enorme Zahl für eine Stadt mit 32.000 Einwohnern, aber sie ist typisch für Peter Magyars Auftritte. Selbst in kleinen Dörfern strömen je 100 bis 200 Anhänger zusammen, wenn er kommt.
Kritik an Korruption und das Versagen der Regierung
«Wir stehen vor dem Tor des Sieges!», ruft er hinunter ins Lichtermeer. Magyar redet im Stakkato, zugleich sind seine Worte volkstümlich und bildreich, seine Sätze klar und einprägsam. Er geisselt die Korruption und das Versagen der Orban-Regierung und ihrer Günstlinge, sagt aber auch Sachen wie: «Wir haben kein Problem mit den Fidesz-Wählern, sondern nur mit der Polit-Mafia, die unser Land in Geiselhaft genommen hat.»
Die Wahl am 12. April gilt als die wichtigste seit der demokratischen Wende 1989/90. In den 16 Jahren seiner Herrschaft hat der Moskau-nahe Orban die Demokratie in Ungarn ausgehöhlt, Medien und Justiz weitgehend unter seine Kontrolle gebracht und Kritikern zufolge ein korruptes System der Klientelwirtschaft etabliert.
Magyar sei vielleicht die letzte Chance, das Orban-System loszuwerden, sagt der 52-jährige Maschinenschlosser Robert, einer der Zuhörer in Gyula. Garantien dafür, dass er es besser machen würde, gebe es keine. «Aber wenn wir es nicht mit ihm versuchen, werden wir bis ans Ende unserer Tage nur davon träumen können: Was wäre gewesen, wenn...?», fügt er hinzu.