Trauer um die Menschen hinter den Zahlen
Am 16. März stirbt im Puschlav eine 78-jährige Frau. Dem Gesundheitsamt des Kantons Graubünden ist der Todesfall eine Meldung wert. Immerhin ist die Seniorin der erste Mensch, der im Kanton an Corona stirbt. Seither und bis Donnerstagabend sind weitere 124 Menschen an der Folgen der Pandemie gestorben. Und dies weitgehend unbeachtet von der Politik, von der Öffentlichkeit, von den Medien. Meldungen vom Gesundheitsamt gibt es dazu schon lange nicht mehr: 125 Frauen und Männer existieren nur noch als Kurve einer Statistik.
🕯️ Auszug Todesanzeige vom 19. März:
Nach kurzer, heftiger Krankheit (Corona) durfte sie friedlich entschlafen.»
Die Bewältigung dieser Pandemie braucht aber mehr als Zahlen. Sie braucht – oder verlangt sogar – eine kollektive Trauerkultur. Sonst geht verloren, was jetzt schon kaum mehr existiert. Oder glaubt jemand ernsthaft, es sei Mitgefühl, wenn Senioren die an Corona sterben als «natürliche Selektion» gelten?
🕯️ 17. Mai:
Nach kurzer schwerer Krankheit (Corona) ist er aus seinem aktiven Leben herausgerissen worden.»
Nun könnten natürlich alle sagen: «Wir Bündner haben es nicht so mit Gefühlen und öffentlichen Tränen.» Alles Ausreden. Eine Gedenkminute während der Grossratssession. Oder an einer der vielen Pressekonferenzen der Regierung. Ein paar Kerzen auf dem Regierungs- oder dem Postplatz. Ja das wären schöne Zeichen des offiziellen Graubündens gegenüber den Verstorbenen und ihre Angehörigen.
🕯️ 1. November:
Dein liebenswürdiger, grosszügiger und hilfsbereites Wesen und dein würdevoller Abschied nach der Coronadiagnose werden uns immer in dankbarere Erinnerung bleiben.»
Auch uns fehlen die meisten Geschichten hinter den Tragödien. Auch uns fehlen die Gesichter. Und so bleiben auch uns letztlich nur die Zahlen: Am 19. März starb in Graubünden die zweite Person an Covid-19. Bis Ende März waren es dann schon 23 Tote. Und seit Ende Oktober vergeht kaum ein Tag ohne neuen Todesfall. Die Statistik des Gesundheitsamtes zeigt, dass am 20. November gleich fünf Menschen gestorben sind. Am 30. November erreichte Graubünden das traurige Jubiläum des 100. Todesfalls. Die ersten Dezembertage verliefen ruhig. Aber seit dem 11. Dezember bis zum 16. Dezember verstarben wieder 13 Menschen. Insgesamt sind bis zum 18. Dezember 125 Menschen aus dem Kanton Graubünden in Zusammenhang mit Covid-19 gestorben.
🕯️ 22. November:
Mit altersbedingten Beschwerden ist sie an den Folgen von Covid-19 innert weniger Tagen aus dem Leben geschieden.»
Liebe Leserinnen und Leser
Die Chefredaktion, alle Redaktorinnen und Redaktoren sowie alle anderen Mitarbeitenden der Südostschweiz gedenken mit dieser Seite all jener Menschen, die an Corona gestorben sind. Deren Angehörigen drücken wir unser tiefes Mitgefühl aus. Jede einzelne Geschichte geht uns nahe. Jede einzelne Tragödie macht uns betroffen. Wir fühlen mit Euch.