Thomas Tuchel wird vom Buhmann zum Helden
Zuerst wird Thomas Tuchel ausgebuht, dann gefeiert. Nach dem Sieg im Spiel um den dritten Platz beendet England die WM so erfolgreich wie seit 1966 nicht mehr.
Zwischen Thomas Tuchels Wandlung vom Buhmann zum Helden lagen nicht einmal zwei Stunden. Es waren allerdings spektakuläre, ja historische 100 Minuten Fussball, die Englands Nationaltrainer wieder eine Perspektive und vor allem das Wohlwollen der Öffentlichkeit verschafften.
Mit 6:4 besiegte das in der ersten Halbzeit entfesselt spielende England die als WM-Favorit gestarteten Franzosen im Spiel um den dritten Platz. Es ist die beste WM-Leistung einer englischen Mannschaft seit dem Titelgewinn 1966.
Buhrufe vor dem Anpfiff
«Das ist die erste Medaille seit 60 Jahren, die erste Medaille im Ausland. Ich hoffe, die Spieler sehen das», sagte Tuchel. Vor dem Anpfiff waren noch Buhrufe durch das Stadion gehallt, als das Foto des 52-Jährigen am Ende der Mannschaftsaufstellung auf der Anzeigetafel gezeigt worden war. Unverzeihlich schien die Niederlage im Halbfinal gegen Argentinien, als man nach Ansicht von Experten und Fans feige eine Führung verteidigte und diese ab der 85. Minute noch aus der Hand gab.
Eine Halbzeit später stand es bereits 4:0. Und am Ende schrieb der «Daily Star», dass die ganze Welt von dem Spiel gefesselt worden sei. Tuchel entschied, «den Anker zu liften, und England überrollte ein lustloses Frankreich.» Der «Guardian» urteilte, das Spiel «zählte zu den Höhepunkten des Turniers» und es sei «wirklich fantastisch» gewesen.
Doch so wenig sich Tuchel nach dem Argentinien-Spiel auf die negativen Kommentare einlassen wollte, so sehr verweigerte er sich nun den Lobeshymnen. «Wir erlauben es uns fast nicht, damit zufrieden zu sein, weil wir so ehrgeizig sind. Wir wollten in den Final kommen, deshalb schmerzt es», sagte Tuchel. «Es gibt vieles, auf das man stolz sein kann, aber dennoch werden viele von uns nicht glücklich sein.»