Theatermeister der verlorenen Seelen Christoph Marthaler wird 75
Seit über 30 Jahren verzaubert und irritiert er das Publikum von Basel über Bayreuth und Salzburg bis Berlin mit seinen skurrilen musikalischen Bühnenprojekten. Christoph Marthaler, der vom Theatermusiker zum Regiestar aufstieg, feiert heute seinen 75. Geburtstag.
Es sind Bilder, die sich ins Gedächtnis eingebrannt haben, die Theatergeschichte geschrieben haben und noch schreiben: Da ist die Schauspielerin mit «IV-zertifizierter kognitiver Beeinträchtigung»; mit grosser Hingabe pustet sie auf einer riesengrossen Tuba urige Untöne heraus. «Gesellschaft mit besonderer Hingabe (GmbH)» heisst diese aktuelle Basler Koproduktion mit dem Zürcher Theater Hora.
Da ist das Sinfonieorchester, das im Orchestergraben seine Instrumente ablegt und den berühmten Jägerchor aus Carl Maria von Webers «Der Freischütz» in Bierhumpen hinein grummelt.
Und da sind immer und immer wieder die verlorenen einsamen Seelen in aus der Zeit gefallenen, verstaubten Warte- oder Wirtshaussälen, die vor sich hindämmernd von ihren Stühlen fallen, wenn sie nicht mit wunderbar arrangierten vielstimmigen Gesängen zur rührend-komischer Lebendigkeit erwachen.
Skurriles Theater der Langsamkeit
Es ist das typische Marthaler-Theater, das in der internationalen Theaterszene längst keiner genaueren Beschreibung mehr bedarf. Die Bezeichnung «marthalerisch» genügt. Viele lieben es, sind verrückt nach ihm, andere lehnen das skurrile Theater der Langsamkeit und der Wiederholungen grundsätzlich ab.
Der am 17.Oktober im zürcherischen Erlenbach geborene Marthaler studierte zunächst Blockflöte und Oboe in Zürich, später Schauspiel und Pantomime an der Theaterschule von Jacques Lecoq in Paris. Er arbeitete zunächst als Theatermusiker und Komponist in Zürich und an weiteren deutschsprachigen Off-Bühnen, bis ihn 1988 der Theatererneuerer Frank Baumbauer ans Theater Basel holte.