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Schweiz und Welt

So bereiten sich Fassnacht und die Schweizer auf Algerien vor

Agentur sda
heute um 06:00 Uhr

Vor dem Sechzehntelfinal gegen Algerien spricht Christian Fassnacht über das Wiedersehen mit Vladimir Petkovic, die Stärken des Gegners und weshalb das Penaltyschiessen für ihn keine Glückssache ist.

Christian Fassnacht, wie blicken Sie dem Aufeinandertreffen mit Vladimir Petkovic entgegen?

«Es ist definitiv etwas Besonderes. Ich freue mich extrem darauf, Vlado auf diese Art wiederzusehen. Es passt auch gut zur Geschichte des Schweizer Fussballs der letzten Jahre: Nach all den schönen Jahren mit ihm spielen wir nun gegeneinander. So schliesst sich ein Kreis.»

Wie unterscheiden sich Vladimir Petkovic und Murat Yakin?

«Auf das Sportliche heruntergebrochen haben wir unter Vlado einen direkteren und einfacheren Fussball gespielt. Muri ist sicher der grössere Taktikfuchs und noch ein bisschen detailversessener. Allerdings hatte ich sprachbedingt auch etwas weniger Austausch mit Vlado. Was beide vereint: Sie leben und lieben den Fussball.»

Und wie unterscheidet sich der persönliche Austausch mit ihnen?

«Vlado hat sich vor allem mit den Leistungsträgern ausgetauscht und genoss als klarer Chef des Teams ein hohes Ansehen. Muri ist sicher nahbarer und sucht immer wieder das Gespräch mit allen Spielern. Beides hat Vor- und Nachteile.»

An der EM 2021 hatten Sie unter Petkovic wohl das grösste Spiel Ihrer Karriere, als die Schweiz den Achtelfinal gegen Frankreich gewann. Hat das für eine besondere Bindung gesorgt?

«Das schweisst schon zusammen. Wenn ich die Bilder sehe oder darauf angesprochen werde, löst das bei mir noch immer spezielle Emotionen aus. Für solche Momente sind wir Fussballer geworden.»

Wie waren die bisherigen Eindrücke von Algerien?

«Dadurch, dass ich bei YB mit Jaouen Hadjam zusammenspiele, hatte ich bereits Berührungspunkte mit dem algerischen Fussball. Er ist ein wenig ein Ebenbild für das ganze Team: Am Ball sind sie extreme Zocker und technisch wahnsinnig versiert. Sie bringen Strassenkicker-Vibes auf den Platz. Dadurch sind sie defensiv manchmal etwas nachlässiger, was zu unserem Vorteil werden könnte.»

Wie war der Austausch mit Jaouen Hadjam?

«Ehrlich gesagt noch nicht besonders gross. Wir haben uns ein paarmal geschrieben, uns zu unseren Einsätzen gratuliert und gesagt, dass wir uns freuen, uns auf dem Platz zu treffen. Vielleicht gibt es danach einen Trikottausch.»

Erwarten Sie, dass Algerien eher auf Konter lauern oder mitspielen wird?

«Schwierig zu sagen. Bei den Algeriern sticht sicher die Qualität am Ball heraus. Wenn wir den Ball erobern, könnten sie defensiv etwas weniger präsent sein als zuletzt zum Beispiel Kanada. Trotzdem bleibt es eine abgezockte Mannschaft, deren Qualitäten für mich ganz klar in der Offensive liegen. Vlado kann sie zudem perfekt auf uns einstellen. Aber ich denke: Wenn wir zu 100 Prozent bereit sind, können wir die nächste Runde erreichen.»

Das Spiel gegen Österreich hat gezeigt: Algerien ist immer für ein Tor gut – auch wenn sie gar keines mehr brauchen. Was ist der Plan, dem entgegenzuwirken?

«Am Ende geht es darum, unsere Chancen zu nutzen. Wir sind bisher immer zu unseren Möglichkeiten gekommen. Nun geht es darum, diese Aktionen sauber zu Ende zu spielen. Denn wenn du deine Tore machst, kannst du auch einmal eines kassieren.»

Wie haben Sie das Ausscheiden der beiden Favoriten Deutschland und Niederlande erlebt?

«Es war ein Ausrufezeichen für alle Teams. Einfache Begegnungen gibt es jetzt definitiv keine mehr. Wenn du in den 90 oder 120 Minuten einen Hänger hast, bist du schnell weg. Deshalb war es gut, diese Spiele mitzuerleben und zu sehen, wie schnell es gehen kann.»

Haben Sie auch gedacht, dass Sie vielleicht noch etwas Penaltyschiessen üben sollten?

«Nicht erst seit diesen Spielen. Wir haben das Thema intern angeschaut und in einer Sitzung besprochen. Ich bin der Meinung, dass das Penaltyschiessen keine Lotterie ist. Man kann sich bis zu einem gewissen Grad darauf vorbereiten. Ich habe diesbezüglich auch auf Vereinsebene mit jemandem zusammengearbeitet.»

Was wurde in der Sitzung besprochen?

«Die Trainer haben uns Tipps gegeben: Dinge, die der Spieler machen kann, aber auch, wie die Mannschaft helfen kann. Ich würde gerne mehr erzählen, aber das bleibt intern. Wir haben uns jedenfalls bestmöglich vorbereitet.»

Sie wären bereit, einen Penalty zu schiessen?

«Ja, das wäre ich.»

Beim Penaltyschiessen zwischen Deutschland und Paraguay war zu sehen, wie Joshua Kimmich auf der Suche nach Schützen war und insgesamt wenig Begeisterung herrschte. Was haben Sie dabei gedacht?

«Vor einem Spiel ist es definitiv einfacher zu sagen, dass du einen Penalty schiessen würdest. Wenn es dann wirklich so weit ist, kommen verschiedene Faktoren zusammen: Wie fühlst du dich gerade? Bist du in der Lage, diese Verantwortung zu übernehmen? Im Fall von Deutschland fiebern mehrere Millionen Menschen zu Hause mit. Der Druck ist riesig, und als Schütze kannst du fast nur verlieren. Verschiesst du, bist du schnell der Depp der Nation.»

Sie hatten durch die spielfreie Zeit eine etwas ruhigere Woche. Wie war die Stimmung?

«Sehr gut. Wir sassen einerseits etwas länger im Videoraum, um gewisse Szenen zu analysieren, hatten andererseits aber auch Zeit für uns. Der Montag war komplett frei, und wir gingen golfen. Es war ein gesunder Mix aus akribischer Arbeit und Stimmungspflege, was bei einer so langen gemeinsamen Zeit auch wichtig ist.»

Nun wird das Lager nach Vancouver verlegt. Freuen Sie sich darauf?

«Es ist eine Stadt, die ich nicht unbedingt auf meiner Bucket-List hatte. Gerade deshalb hat mich Vancouver enorm geflasht. Wenn ich aus dem Hotelzimmer blickte, sah ich gleichzeitig das Meer und die Berge – das war unglaublich schön. Auch sonst haben mir die Stadt und das Stadion sehr gefallen. Nun hoffe ich, dass wir bei unserem letzten Auftritt den einen oder anderen kanadischen Fan gewonnen haben.»

Welches Team hat Sie bisher am meisten überzeugt?

«Argentinien hat schon sehr soliden Fussball gespielt. Aber wie gesagt: Die Gruppenphase ist etwas anderes als die K.o.-Phase, in der so viel passieren kann. Es ist wie mit den Klubs im Cup: Dort werden die eigenen Geschichten geschrieben.»