Die Frauen grüssen zurück. «Hoi Giada. Gut siehst du aus. Du trägst die Haare schön.» Lustigerweise wachsen die Haare oftmals lockig nach. Und grau. Die Betroffenen schmunzeln. Alle tragen sie die Frisur ein bisschen anders. Von üppiger Haarpracht über kurz geschorene Haare bis zur Kopfbedeckung mit einer Kappe ist alles zu sehen. Giada Giuliano trägt eine freche Kurzhaarfrisur mit dunklen Locken. «Als ich das erste Mal hierher gekommen bin, noch vor der Chemotherapie, habe ich lange Haare gehabt», erinnert sie sich. «Die Frauen und auch die Angestellten hier haben den ganzen Prozess miterlebt. Von langen Haaren zu keinen Haaren zu nachgewachsenen Haaren.» Haare. Ein Thema am Stamm. Klar.
Zeit für ein paar Zahlen. Und ein bisschen Theorie. Die Idee von Tavola Rosa ist nicht neu. Seit über vier Jahren bietet die Organisation «Europa Donna Schweiz» Stammtische für betroffene Frauen im ganzen Land an. In Zürich, Bern, St. Gallen, Aarau, Lugano/Mendrisio. Und seit April 2022 auch in Chur. «Europa Donna Schweiz» wird 2003 gegründet und ist eines von 47 Mitgliedern des europäischen Netzwerkes. Brustkrebs (Mammakarzinom), eine Tumorerkrankung der Brust, ist die mit Abstand häufigste Krebserkrankung bei Frauen weltweit. 30 Prozent aller Krebsdiagnosen bei Frauen entfallen auf Brustkrebs. In der Schweiz erkranken jährlich rund 6500 Frauen daran, wobei 80 Prozent der Brustkrebspatientinnen über 50 Jahre alt sind. Auch Männer sind betroffen. Mit nicht einmal einem Prozent der Diagnosen kommt Brustkrebs bei ihnen aber sehr selten vor.
Zurück an den Stammtisch. An der langen Tafel geht es lebendig zu und her. Es wird ausgetauscht, diskutiert, zugehört. Ernst und nachdenklich. Aber auch fröhlich und humorvoll. Die Frauen reden über ihre Diagnosen. Ihre Therapien. Ihre Hoffnungen. Ihre Ängste. Aber auch über Ferienplanung. Familie. Arbeit. Und Weiterbildung. Sie haben ein Leben. Und sie führen ein Leben. Mit Krebs. Trotzdem. Krebs ist nicht gleich Krebs. Und Brustkrebs ist nicht gleich Brustkrebs. Die Frauen mussten und müssen lernen, ihn zu verstehen. Östrogen-negativ. Triple-negativ. Inflammatorisch. Kurativ. Palliativ. Genetisch. Expander. Ultraschall. Wieder fallen viele Begriffe rund um den Tisch. Solche, die es zu begreifen gilt. Zeit zu googeln. «Das ist keine gute Idee», mahnt eine Betroffene. «Wenn du Doktor Google nach deiner Krebserkrankung befragst, dann bist du tot.» Die Journalistin lässt es bleiben. Trinkt Tee. Und hört zu. «Heute wird vor allem brusterhaltend operiert», weiss eine Erkrankte. «Es soll so wenig wie möglich und so viel wie nötig entfernt werden.» Auch darüber haben die Frauen ganz unterschiedliche Meinungen. Manche finden die radikale Entfernung besser. Andere schwören auf die Erhaltung. Auch die 47-jährige Frau, die letztes Jahr erneut erkrankt ist, beteiligt sich angeregt am Gespräch. Sie hat gelernt, mit den vielen unerwünschten Nebenwirkungen der Therapien umzugehen und versucht, jedem Tag etwas Gutes abzugewinnen. Sie schaut nach vorne. Und sie ist nach wie vor ein fröhlicher und lebensbejahender Mensch. «Auch, oder gerade, in schwierigen Zeiten versuche ich, in jedem Tag positive Momente zu finden», betont sie und dreht sich zu ihren Kolleginnen um. Den Frauen vom Rosa Tisch. Es gilt, das bevorstehende gemeinsame Weihnachtsessen zu planen.