Russland gegen Europa: Wer wäre denn wie viel stärker?

Die Spannungen an der Nato-Ostgrenze nehmen zu. Im September fanden in Belarus nahe der Grenze zu Litauen Militärübungen statt, und ein Streifen russischen Territoriums in der Nähe der estnischen Stadt Narva wurde für Zivilisten zehn Tage lang gesperrt.
Der zunehmende Druck zwischen Russland und der Nato führte vergangenes Jahr zu breiten Diskussionen über die Wahrscheinlichkeit eines militärischen Konflikts, worauf ich im «Brief aus dem Krieg» vom 27. Juni 2025 eingegangen bin.
Polens Aussenminister Radoslaw Sikorski äusserte sich vergangene Woche in scharfen Worten dazu, wie leicht die Nato Russland besiegen würde, sollte ein offener Krieg ausbrechen. Europa und die Nato brauchen Selbstvertrauen, daran besteht kein Zweifel. Aber inwieweit entsprechen Sikorskis kühne Aussagen der Realität? Das BIP der europäischen Nato-Mitglieder ist im Grunde zehnmal so gross wie das Russlands.
Die Militärausgaben vermitteln jedoch ein besseres Bild der Lage. Bis 2021 gab Russland viele Jahre lang 3,5 bis 4 Prozent seines BIP für das Militär aus. Die offiziellen Zahlen für den Haushalt 2025–26 liegen bei 6 bis 7 Prozent. Berücksichtigt man versteckte Ausgaben, ist dieser Anteil sogar noch höher. Für 2027 plant Russland einen weiteren Anstieg seiner Militärausgaben um 27 Prozent.
Europa dagegen gab in den Jahren 2004 bis 2014 nur 1,3 Prozent seines BIP für das Militär aus. Seit Beginn des russisch-ukrainischen Krieges im Jahr 2014 stiegen die Militärausgaben der europäischen Länder langsam an. Erst im Jahr 2026 erreichten alle europäischen Nato-Mitglieder eine Militärausgabenquote von 2 Prozent.
Der deutsche Geheimdienst BND schätzt die russischen Militärausgaben im Jahr 2026 auf 210 Milliarden Euro. Die europäischen Nato-Mitglieder werden im Jahr 2026 rund 570 Milliarden Euro für das Militär ausgeben. Der Unterschied verringert sich damit von einem Zehnfachen auf das Drei- bis Vierfache. Hinzu kommt ein wichtiger Aspekt, der die Berechnungen des nominalen BIP problematisch macht: Die Preise in Russland und in den EU-Ländern unterscheiden sich zugunsten Russlands.
Russland generiert mit demselben Geldbetrag mehr militärische Schlagkraft.
Das BIP nach Kaufkraftparität ist daher aussagekräftiger als das nominale BIP. Militärisch gesehen heisst das, dass Russland für denselben Geldbetrag mehr militärische Ausrüstung und mehr Soldaten erhält. Russland hat zudem durch seinen Status als bevorzugter Kunde und den einfachen Zugang zur billigen und riesigen industriellen Basis Chinas zusätzliche Vorteile.