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Kolumne
Brief aus dem Krieg

Alarm im Hinterland: So entwickelt sich der Luftkrieg

Während die Lage an der Front stagniert, verschärfen sich die Kampfhandlungen zwischen Russland und der Ukraine im mittleren und hinteren Bereich. Den Ukrainern steht ein harter Winter bevor.
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Viktor Schewtschuk
heute um 16:00 Uhr

Russland hatte von Beginn des grossen Krieges an einen strategischen Vorteil: Es war in der Lage, das ukrainische Territorium in seiner gesamten Tiefe zu treffen. Die Zahl der russischen Angriffe stieg bis Dezember 2022, wobei ein grosser Teil der Raketen die ukrainische Luftabwehr durchbrach.

Die Ukrainer erhielten Ende 2022 und während des gesamten Jahres 2023 europäische und amerikanische Luftabwehrsysteme. Die Wirksamkeit der russischen Angriffe nahm ab. Ebenso sank die Zahl der Angriffe, da sich die russischen Bestände erschöpften. Der damalige Chef des ukrainischen Militärgeheimdienstes, Kyrylo Budanow, ging sogar davon aus, dass den Russen die Raketen ausgehen könnten.

Doch in der ersten Hälfte des Jahres 2024 kam es zu einem sprunghaften Anstieg der Raketenangriffe, nachdem die nordkoreanische Version der Iskander-Raketen geliefert worden war. Zusätzlich gelang es den Russen, ihre eigene Raketenproduktion zu steigern. Seit 2024 schwankt die Zahl der russischen Luftangriffe auf das ukrainische Hinterland.

Der Irankrieg schwächt die Abwehrfähigkeit der Ukraine

Nachdem sich Trump dem aktiven Kampf Israels gegen den Iran angeschlossen hatte, wurden in der Region in grosser Zahl Abfangraketen für Patriot-Systeme eingesetzt. Die Ukraine musste sich der Realität stellen, dass es mittlerweile fast unmöglich ist, PAC-3-Abfangraketen zu beschaffen. Infolgedessen konnte die Ukraine im Juli nur noch 13 Prozent der russischen ballistischen Raketen abschiessen. Dies ist der niedrigste Monatswert in diesem Jahr.

Was wird passieren, wenn die Wirksamkeit der ukrainischen Luftabwehr gegen russische ballistische Raketen gegen null geht? Die Aussichten sind düster. Die russischen Invasoren werden im Winter Ziele ihrer Wahl treffen, darunter auch die Energieinfrastruktur. Dennoch ist die Ukraine immer noch zu gross und die russische Produktion zu gering, um die Ukraine zur Unterwerfung zu zwingen.

Die russische Produktion der gefährlichsten ballistischen Raketen ist zwar gestiegen, liegt aber derzeit nur bei 50 bis 60 Stück Iskander-M, 40 bis 50 überarbeiteten S-400-Raketen und mehreren hyperschallfähigen, seegestützten Zirkon-Raketen pro Monat. Daneben werden einige Marschflugkörper produziert.

Russland müsste seine Raketenproduktion vervielfachen

Im Gegensatz zu Marschflugkörpern waren ballistische Raketen schon immer ein schwieriges Ziel für die Luftabwehr. Das ukrainische Militär konnte in diesem Jahr monatlich 18 bis 35 Prozent der ballistischen Raketen abfangen, und das Land hat standgehalten.

Russland könnte nur dann sehr schweren Schaden anrichten, wenn es die Produktion vervielfacht oder eine grosse Anzahl von Raketen aus anderen Schurkenstaaten erhält, was jedoch unwahrscheinlich ist. Unterdessen erhöht Russland Qualität und Anzahl seiner Drohnen vom Typ Schahed.

Die Ukraine könnte also einen sehr schwierigen Winter mit Stromausfällen vor sich haben. Doch angesichts der aktuellen Stimmung in der Gesellschaft wird der Widerstand nicht gebrochen werden.

Ukrainische Marschflugkörper richten massive Schäden an

Derweil kommt nun ein neuer Faktor ins Spiel. Russland hat kein Monopol mehr darauf, tief im Hinterland des Gegners anzugreifen. Die Ukraine produziert weiterhin Neptun-Marschflugkörper, und die Produktion von Flamingo-Marschflugkörpern steigt.

Das russische Militär hat gelernt, wie man Marschflugkörper abwehrt. Es setzt die kostspieligen Frühwarnflugzeuge ein – das russische Pendant zu den amerikanischen AWACS. Das Aufspüren tief fliegender Flugkörper hilft dem russischen Militär, die meisten Flamingos abzuschiessen.

Doch die wenigen, die die russische Abwehr durchbrechen, richten mit ihren 900-Kilo-Sprengköpfen schweren Schaden an den militärisch-industriellen Anlagen Russlands an. Kürzlich wurden in Russland mehrere Werke getroffen, die Bauteile für russische Raketen herstellen.

Ein weiterer wichtiger Faktor sind ukrainische Drohnen für Mittel- und Tiefenangriffe. Mehrere Unternehmen produzieren eine stetig wachsende Anzahl von Drohnen, die die Wolga und sogar Westsibirien erreichen können. Ihre Fluggeräte sehen vielleicht nicht besonders hoch entwickelt aus, aber sie reichen aus, um die russische Ölraffinerieindustrie so zu treffen, dass die dortige Treibstoffkrise nun einen zweiten Höhepunkt erreicht.

Britische Tiefenangriffsdrohnen und amerikanische Mittelstrecken-Drohnen verstärken diese ukrainische Offensive im russischen Hinterland.

Der Zermürbungskrieg wird noch absurder

Um die russischen Attacken auf das ukrainische Hinterland in eine Relation zu setzen: Der Irak hat den Iran während des gesamten achtjährigen Krieges mit rund 500 ballistischen Raketen beschossen. Das ist die Anzahl, die die Russen in den letzten fünf bis sechs Monaten in die Ukraine geschickt haben. Ganz zu schweigen von Tausenden von Marschflugkörpern.

Der ukrainische Kampfgeist hält zwar an. Da sich die Machthaber in Moskau aber ihres Vorteils bei den ballistischen Raketen bewusst sind, haben sie keinen Anreiz zu verhandeln.

Der Zermürbungskrieg ist damit in eine noch absurdere und weniger kontrollierbare Phase eingetreten.

Über den Autor

Unter dem Namen Viktor Schewtschuk schreibt an dieser Stelle regelmässig ein ukrainischer Militärexperte, Politikwissenschaftler und aktiver Offizier. Er drückt dabei seine persönliche Meinung aus, die auf allgemein -zugänglichen Informationen beruht.