Podiumsdiskussion an der ETH Zürich zum Thema «Wolf»
Die Podiumsteilnehmer liessen bereits im Vorfeld auf einen spannenden Abend hoffen: Der Präsident des Bündner Bauernverbands, Thomas Roffler, und der Bündner Biologe Marcel Züger stellten sich Brigitte Wolf, Walliser Grossrätin von den Grünen und ebenfalls Biologin, sowie Dr. Urs Leugger, Zentralsekretär Pro Natura, in einem Streitgespräch. Die Dringlichkeit, die Wolfsproblematik in den Griff zu bekommen, lockte neben den gut 50 Personen vor Ort auch zahlreiche Zuschauer vor die Bildschirme der Onlineübertragung. Besonders erfreulich war, dass auch Bündner Landwirtinnen und Landwirte den Weg nach Zürich auf sich nahmen.
Moderator René Bortolani eröffnete den Abend Kindergeschichte von Rotkäppchen und dem bösen Wolf. Anschliessend wollte Bortolani von den Podiumsteilnehmern wissen, ob es sich dabei bloss um ein Schauermärchen handelt, oder ob dies in naher Zukunft fiktive Realität sein könnte. Brigitte Wolf und Urs Leugger vermochten es, dem Publikum auf ein erstes die Angst zu nehmen, indem sie versicherten, dass der Wolf keine Gefahr für den Menschen darstelle.
Unmut der Landwirte
Die Erleichterung war jedoch nur von kurzer Dauer. Der Biologe Marcel Züger zitierte aus unzähligen Studien aus Staaten mit hoher Wolfsdichte, in denen Angriffe auf Menschen, die nicht selten auch tödlich endeten, an der Tagesordnung liegen würden. Urs Leugger gab an, den Unmut der Landwirte nach der verlorenen Jagdgesetzesrevision-Abstimmung im September 2020 nachvollziehen zu können. Aus diesem Grund habe man sich seitens Pro Natura auch mit den beteiligten Akteuren zusammengetan und nach Verbesserungen gesucht. Thomas Roffler, der seine Tiere auf Prättigauer Alpen sömmert, fragte im rhetorischen Sinne, wo dann diese Verbesserungen zu spüren seien? Denn der Alpsommer 2021 war hinsichtlich der Angriffe auf Nutzvieh schlimmer denn je zuvor. Das Alppersonal sei physisch und psychisch am Limit und darüber hinaus gelaufen. Die Rekrutierung von Alppersonal werde zunehmend schwieriger und auf gewissen Alpen liesse sich bereits kein Alppersonal mehr finden.
Brigitte Wolf machte darauf aufmerksam, dass sich der Wolf durch sein territoriales Verhalten auf natürliche Art selbst regulieren werde. Aber auch sie äusserte sich dahingehend, dass schadenstiftende Tiere geschossen werden müssten. Die Aussage von Urs Leugger, man müsse die Nutztiere auf der Alp genügend schützen, dann liesse sich ein Grossteil der Schäden vermeiden, konnte Thomas Roffler nicht so im Raum stehen lassen: Die Praxis habe gezeigt, dass aufgrund von steilem und felsigem Gelände sowie nebligen Witterungsbedingungen eine Herde nur mit unverhältnismässig grossem Aufwand zu schützen sei und dies auch nicht zu 100 Prozent. Zudem sei die finanzielle Unterstützung keine langfristige Lösung. Ein präventiver Herdenschutz durch die Regulation des Wolfes sei für einen funktionierenden Herdenschutz unerlässlich.
Kinder mit Schutzhunden begleiten
Mit deutlichen Worten vermochten zwei betroffene Landwirte aus dem Publikum, Hubertus Spescha und Elias Casanova, auf die aktuellen Missstände in ihrer Heimat aufmerksam zu machen. Durch die ständige Präsenz der Wolfsrudel in den Dörfern sei ein ruhiger Schlaf schon lange nicht mehr gegeben. Neben der ständigen Sorge um die Nutztiere könnten auch die Kinder aus dem Dorf nicht mehr ohne Begleitung auf den Schulweg entlassen werden. Eine weitere Person aus dem Publikum bekräftigte dies, denn gemäss Aussagen einer norwegischen Bekannten würden die Kinder dort ebenfalls nicht mehr ohne Begleitung von Schutzhunden zur Schule gebracht.
Auch Wildfrass ein zunehmendes Problem
Nachdem Urs Leugger den positiven Effekt des Wolfes auf die Waldverjüngung erläutert hatte, stand die Frage im Raum, wie dies vom Bündner Biologen Marcel Züger wahrgenommen werde. Er erklärte, dass sich das Wild aufgrund der Grossraubtiere vermehrt in felsiges und karges Gelände zurückziehe. Dabei handle es sich oft um Lawinenkegel, in denen der Jungwald aufgrund seiner Schutzfunktion besonders wünschenswert sei, dieser falle aufgrund der Wildverlagerung leider vermehrt dem Wildfrass zum Opfer.
Thomas Roffler wollte schliesslich vom Pro-Natura-Zentralsekretär Leugger wissen, ob er bereit sei, mit einer griffigen Jagdgesetzesrevision die Ausgangslage zu schaffen, dass Älplerinnen und Älpler wieder gerne auf die Alp gehen und ob er gegenüber den Kantonen das Vertrauen aufbringe, das Wolfsmanagement den Kantonen zu überlassen. Eine konkrete Antwort blieb jedoch aus.
Der erste Schritt, die Zürcher Bevölkerung von der Dringlichkeit einer griffigen Jagdgesetzesrevision zu überzeugen, haben die beiden Bündner Akteure mit einem beherzten Auftritt und treffenden Argumenten somit gemeistert.