Pilze im St. Galler Rheintal strahlten zehnfach über Grenzwert
Vor 40 Jahren erreichte die Angst vor radioaktiver Strahlung auch die Ostschweiz. Gemüseproduzenten wehrten sich nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl gegen die Empfehlungen des Bundes. Im Rheintal überschritten Pilze den Strahlen-Grenzwert um das Zehnfache.
Vier Tage nach der Reaktorkatastrophe vom 26. April 1986 erreichte die radioaktive Wolke die Schweiz. Die Ostschweiz war aufgrund von Niederschlägen besonders betroffen von radioaktiven Ablagerungen. Der Bund empfahl unter anderem, im Freiland angebautes Gemüse zu waschen und bestimmte Gemüsesorten zu schälen.
Der Gemüseproduzenten-Verband wehrte sich. Zwei Wochen nach der Reaktorkatastrophe kritisierte er die Verhaltensempfehlungen der Behörden als «ungenügend und irreführend». Er wies darauf hin, dass in der Schweiz Kopfsalat und alle anderen Blattgemüse mit dem radioaktiven Ausfall überhaupt nicht in Berührung kämen, wie die Nachrichtenagentur SDA damals schrieb. Das Gemüse stamme «samt und sonders aus überdecktem Anbau» und werde «mit Grundwasser bewässert».
Direkte gesundheitliche Folgen durch den Verzehr von kontaminierten Lebensmitteln konnten bei der Schweizer Bevölkerung nicht festgestellt werden, schrieb denn auch das Bundesamt für Gesundheit.
Demonstranten fordern Atomausstieg
Einen Monat nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl zogen rund 1200 Personen in einem Demonstrationszug durch die Altstadt von St. Gallen. Sie forderten den Ausstieg aus der Atomtechnologie. Dies sei der einzige Schutz vor Atomkraftwerk-Unfällen, hiess es in einem Resolutionstext, mit welchem ausserdem die Stilllegung aller Atomkraftwerke in der Schweiz sowie der sofortige Erlass eines durchgreifenden Energiespargesetzes verlangt wurde.
Der St. Galler Kantonsrat lehnte es ab, auf ein Standesbegehren zum «Abschied von der Atomenergie» einzutreten.
Ein verstrahlter Pilz im Rheintal