Neue Spuren der Wiborada: eine Unterschrift aus dem Jahr 900
Eine Frau hat vor rund 1120 Jahren auf der Insel Reichenau ihren Namen in ein Buch geschrieben. Dieser Eintrag ist eine der Entdeckungen einer neuen Ausstellung im St. Galler Stiftsarchiv. Die Unterschrift stammt wohl von der später heiliggesprochenen Wiborada.
Wiberat, die vor allem unter ihrem latinisierten Namen Wiborada bekannt ist, war eine Inklusin, die bis 926 in einer Zelle in St. Mangen in der Stadt St. Gallen lebte. Es war ein belebter Ort, der direkt an der alten Konstanzerstrasse und damit an einer wichtigen Verkehrsverbindung lag.
Inklusinnen gab es in der christlichen Welt seit der Spätantike, in unserer Gegend aber vor allem zwischen dem 9. und 11. Jahrhundert. Die Frauen und Männer, die sich für diese Variante eines geistlichen Lebens entschieden, lebten eingemauert in einer Zelle und hatten nur durch eine Maueröffnung Kontakt zur Welt.
Ebenfalls in der Nähe der Zelle lebte Wiberats jüngerer Bruder Hitto, versorgt wurde sie von zwei Dienerinnen. Auf ihrem Weg wurde sie von ihrer Jugendfreundin Rachilt begleitet, die sich ebenfalls als Inklusin einschliessen liess.
Von Ungarn erschlagen
Als 926 die Ungarn in der Gegend einfielen, blieb Wiberat als einzige in St. Mangen zurück. Die Ungarn drangen in St. Mangen auf der Suche nach Schätzen ein, fanden dort aber nur die Inklusin in der Zelle vor und erschlugen sie. Dank ihrer Voraussicht konnte der St. Galler Klosterschatz, darunter kostbare Manuskripte der Bibliothek und Urkunden aus dem Archiv, in Sicherheit gebracht werden.
Wiberat war die erste Frau, die 1047 vom Papst Clemens II. heiliggesprochen wurde. Sie geriet später – im Gegensatz zu Gallus und Otmar – als dritte St. Galler Stadtheilige immer mehr in Vergessenheit.
Seit einigen Jahren wird ihr Leben und Wirken wieder in Erinnerung gerufen. Seit 2021 halten sich im Gedenken an Wiberat zeitweise wieder Inklusinnen und Inklusen in einer provisorischen Zelle bei der St. Mangen-Kirche auf. Der Höhepunkt dieser Entwicklung findet nun im laufenden Jahr statt. 1100 Jahre nach dem Tod von Wiberat wurde 2026 als Jubiläumsjahr ausgerufen.