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Schweiz und Welt

Menschen, nicht Betten

Denise Erni
04.01.2021, 04:30 Uhr
gestern um 12:16 Uhr

Ich stehe mittendrin auf der Covid-Intensivpflegestation des Kantonsspitals Graubünden. Vor mir auf dem Boden ist eine grüne Linie aufgezeichnet, welche die Trennung zu den kontaminierten Räumen anzeigt. Dort liegen sie, die schwerkranken Patienten. Ich sehe sie durch die Lamellen verhangenen Fenstern – an Maschinen angeschlossen – um ihr Leben kämpfen. Männer und Frauen jeglichen Alters, die hier seit Monaten, Wochen oder Tagen liegen, jeder mit seinem eigenen Schicksal. Es sind Bilder, die ich bisher nur aus den Medien kannte. Diese Bilder machen mir schlagartig noch bewusster, wie gefährlich Corona sein kann.

Mein Besuch auf der Covid-IPS macht mir aber noch etwas ganz anderes bewusster: Ich bekomme mit, wie diese schwerkranken Menschen vom Pflegepersonal unter anspruchsvollsten Bedingungen umsorgt werden. Liebevoll und aufopfernd und mit dem grössten Respekt – obwohl die meisten gar nichts davon mitbekommen, weil sie im komatösen Zustand sind. Die Expertinnen und Experten der Intensivpflege geben seit Wochen und Monaten ihr Bestes. Und das, obwohl sie selber bald am Ende ihrer Kräfte sind. In Chur, im Kanton, in der Schweiz und dem Rest der Welt.

Und was machen die hiesigen Politiker? Sie sprechen seit Wochen nur von Bettenkapazitäten. Sie orientieren sich täglich daran, wie viele freie IPS-Betten ein Spital noch hat. Dabei ignorieren sie, dass es gerade für diese Betten qualifiziertes Personal braucht. Und dass die Kraft des Spitalpersonals nicht unendlich ist. Es ist daher schlicht respektlos, immerzu von Betten zu sprechen und nie von den Menschen, welche die Arbeit für die Patienten in den Betten verrichten. Höchste Zeit für ein Umdenken. Künftig muss von der Kapazität der Menschen, statt jener der Betten gesprochen werden. Ein Besuch auf der Covid-IPS wird beim Umdenken behilflich sein.

Kontaktieren Sie unsere Autorin zum Thema: denise.erni@somedia.ch

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