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Schweiz und Welt

«Mit dem Frachter in die Freiheit»

Südostschweiz
11.02.2025, 17:00 Uhr
heute um 11:31 Uhr

«Als Kind gab es für mich keine andere Vorstellung, als Ärztin zu werden», erzählt die Tochter eines Chefarztes. Entsprechend begleitete sie ihren Vater schon früh ins Spital und war im Alter von 12 Jahren Hilfskraft auf der Station. Nach erfolgreichem Abitur schrieb sie sich an der Universität von Münster ein. Doch das Studium befriedigte sie nicht, der Drang nach Freiheit war zu gross. «Ich nahm mir eine Auszeit von einem Jahr und hatte dafür 5000 Deutsche Mark zur Verfügung», erzählt Rinsche. Also war Sparen angesagt, und die junge Frau verdiente sich ihre Überfahrt nach Brasilien als zweite Stewardess auf einem Frachtschiff. «Neben dem Schrubben des Decks war es meine Auf­gabe, den Offizieren dreimal im Tag eine warme Mahlzeit zu servieren.» Nicht wirklich eine befriedigende Tätigkeit für eine Person wie sie, obwohl: «Der Frachter hatte auf der Fahrt von Brasilien nach Rotterdam Eisenerz geladen, das überall Spuren hinterlassen hatte. Bis wir auf der Rückfahrt im brasilianischen Vitória angekommen waren, waren die ziemlich verschwunden.» Daneben fand sie jedoch die Zeit, einen Rapport für den Chefingenieur zu schreiben, was diesen bewog, sie zu seiner Sekretärin zu befördern. Was natürlich dazu führte, dass ihr weniger Zeit zur Reinigung des Deckes zur Ver­fügung stand.

Brasilien als Katalisator

In Brasilien angekommen, tauchte Rinsche in das Grossstadtleben von Rio de Janeiro ein und fand Übernachtung und Anschluss bei einer jungen Frau und ihrer Mutter. Vom Weg dorthin und dieser Zeit berichtet ihr Buch «Mit dem Frachter in die Freiheit», das Rinsche im Selbstverlag herausbrachte. «Das Verlegen war eine Erfahrung für sich, bei der ich unheimlich viel lernte», sagt sie dazu. «Brasilien wird in der Geschichte zu einem Ort der Transformation. Die Autorin begegnet exotischen Landschaften, faszinierenden Menschen und kulturellen Herausforderungen. Diese Erlebnisse zwingen sie, sich selbst neu zu entdecken und ihre Ansichten über das Leben zu hinterfragen. Besonders bewegend ist die Begegnung mit einem älteren Mann im Süden Brasiliens, mit dem sie eine leidenschaftliche Liebesaffäre eingeht. Diese Beziehung stellt ihre Vorstellungen von Liebe und Freiheit auf die Probe und bringt sie dazu, tiefere Einsichten über sich selbst und das Leben zu gewinnen», schreibt Alois Kramer in einer Rezension. des Buches.

Brexit als Auslöser

Geschrieben hat Rinsche das Buch über die vergangenen zwei Jahre, seit dem Verkauf ihrer letzten Firma. «Die Tagebucheinträge, die ich mein Leben lang führte, waren die Grundlage dazu.» Seit acht Jahren lebt sie in Davos, das ihr erst von gemeinsamen Ferien mit den Eltern und später mit den eignen Kindern vertraut ist. «Als die Briten 2016 für den Brexit stimmten, entschied ich, nach 29 Jahren in London die Stadt und das Land zu verlassen.» Die Motivation der Briten, aus der EU auszutreten, bezeichnet Rinsche als selbstsüchtig, damit wollte sie nichts zu tun haben. «Im Juni war die Abstimmung, im Juli war mein Haus auf dem Markt, im September verliess ich London», fasst sie zusammen. Auch die beiden Londoner Firmen hatte sie verkauft, bis 2022 leitete sie von Davos aus noch eine dritte Firma in Köln. Doch dorthin hatte es sie nie gezogen: «Die Entscheidung, hierher zu kommen fiel mir leicht. Die Schweiz gefällt mir. Sowie ich lange genug hier bin, plane ich, den Pass zu beantragen.»

Chile und Karriere

So wie Rinsche einst von Brasilien aus in die deutsche Kolonie in Chile weiterreiste. Von dort aus kehrte sie via Peru, Ecuador, Kolumbien, Mittelamerika und Kalifornien schliesslich wieder ins heimische Münster zurück. An der dortigen Universität schloss sie 1977 das Studium in Anglistik und Philosophie ab. Neben dem Studium und der Arbeit gab es natürlich auch ein privates Leben. Eine erste Beziehung mit einem Professor scheiterte an dessen patriarchalischen Vorstellungen eines gemeinsamen Lebens. «Ich dachte, ich höre nicht richtig», erzählt Rinsche offen von den Verhandlungen zwischen ihrem Fast-Ehemann und ihrem Vater. Ein hochbegabter Mathematiker entsprach ihren Vorstellungen eher. Mit ihm ging sie eine Ehe ein und gebar einen Sohn und eine Tochter. Doch bald war ihr das ländliche Münster zu eng, Rinsche nahm ihre beiden kleinen Kinder und machte sich auf, London zu erobern. Dort lehrte sie Deutsch als Fremdsprache und promovierte 1992 im damals neuen Fach Computerlinguistik. Sie wurde Unternehmerin und gründete mehrere Firmen. Rinsches Ehemann behagte das Leben in London nie, er kehrte schon nach kurzer Zeit wieder nach Hause zurück, wo er im Februar letzten Jahres verstarb. «Aber all das ist Stoff für weitere Bücher, die ich noch vorhabe zu schreiben», sagt die unternehmungslustige Autorin im Rentenalter.

Lesung am Donnerstag, 13. Februar, um 19.30 Uhr in der Hochgebirgsklinik

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