Alpenschutz ist besorgt über Solarprojektboom in den Bergen
Die potenziellen Auswirkungen des dringlichen Bundesgesetzes «Sichere Stromversorgung mit erneuerbaren Energien» ruft die Cipra Schweiz auf den Plan, den Dachverband verschiedener nationaler Alpen- und Umweltschutzorganisationen. Man sei «besorgt», so die Cipra in einer am Donnerstag publizierten Medienmitteilung: Der vom Parlament im Herbst gefällte Beschluss zu den alpinen Fotovoltaikanlagen und die Diskussionen um den Mantelerlass – die Änderung diverser Gesetze im Bereich Energie und Stromversorgung – würden auf Kosten der hohen Natur- und Landschaftswerte und der letzten Freiräume in der Schweiz gehen. Ausserdem würden die bisherigen Anstrengungen für eine umweltverträgliche Energiewende untergraben, stellt die Alpenschutzorganisation fest. In der kurzen Zeit seit dem Parlamentsentscheid sind auch in Graubünden mehrere Projekte für alpine Freiflächen-Solaranlagen publik geworden. Allein in der oberen Surselva sind gegenwärtig drei solche Sonnenkraftwerke in der Pipeline: Nalps, Scharinas und Alp Run.
Grosse Anlagen «in unerschlossenen, naturnahen Freiräumen»
«Wilde, ursprüngliche Gebirgstäler sollen geflutet werden für zusätzliche Speicherseen», so die Cipra Schweiz in ihrer Mitteilung. «Grosse Freiflächen-Solaranlagen sollen vereinfacht in unerschlossenen, naturnahen Freiräumen installiert werden.» Und die Tendenz in den noch nicht abgeschlossenen Debatten zum Mantelerlass sei klar erkennbar: Die Produktion erneuerbarer Energien solle gegenüber dem Natur- und Landschaftsschutz Vorrang haben. Darin sähen Experten eine Verletzung der Verfassung in mehreren Bereichen. In der vom Ständerat verabschiedeten Version verstosse der Mantelerlass zudem gegen internationale Abkommen wie die von der Schweiz ratifizierte Alpenkonvention. «Wenn wir vermeiden wollen, dass wertvolle alpine Räume bis in die letzten Ecken verbaut werden, muss das Parlament jetzt auf die Bremse treten», wird Cipra-Schweiz-Geschäftsleiterin Isabella Helmschrott in der Mitteilung zitiert. Die Organisation engagiere sich seit jeher für die Energiewende, jetzt aber liege der Fokus des Parlaments vor allem auf dem Ausbau erneuerbarer Energien und zu wenig auf Energiesparmassnahmen.
Solaranlagen lieber auf bestehender Infrastruktur
Seitens der Bündner Umweltverbände hatte Pro-Natura-Geschäftsführer Armando Lenz schon letzten November festgestellt, man wünsche sich Solaranlagen in erster Linie auf bestehender Infrastruktur, idealerweise innerhalb der Bauzone. Das Potenzial sei dort gross genug, um den Bedarf nach Solarenergie zu decken. Derselben Meinung ist man auch bei Swissolar, dem Schweizer Fachverband für Sonnenenergie: Alpine Fotovoltaik-Anlagen würden zweifellos einen Beitrag zur zukünftigen Stromversorgung leisten, nicht zuletzt wegen der hohen Wintererträge dank Nebelfreiheit und Schneereflexion. Allerdings gebe es weltweit erst wenige hochalpine Freiflächenanlagen, entsprechend seien deren Erstellungs- und Betriebskosten zurzeit schwierig abzuschätzen. Fehlende Erschliessung mit Strassen und Stromleitungen, Schutz der Anlagen vor Lawinen und Steinschlag sowie die wetterfeste Befestigung der Module seien nur einige der Gründe, weshalb wohl nicht alle geplanten Projekte bis zum Auslaufen des Notgesetzes Ende 2025 in Betrieb sein würden.