Die Südostschweizer Tierstationen sind bis auf den letzten Platz gefüllt
Man denke an die ersten Monate der Coronapandemie zurück: Viele Leute wurden ins Homeoffice versetzt, Anlässe und Ereignisse wurden abgesagt. Die Nachfragen nach einem Haustier wurden zu dieser Zeit immer häufiger. Laut der Tierdatenbank Amicus ist die Zahl der registrierten Hunde in der Schweiz von Dezember 2019 mit rund 516'000 auf rund 560'000 Hunden bis diesen November gestiegen.
Anfragen häufen sich
Fast vier Jahre nach den ersten Coronamassnahmen sind die Tierheime noch immer mit den Auswirkungen der gestiegenen Nachfrage nach Haustieren konfrontiert. Viele Haustierbesitzerinnen und -besitzer sind nämlich überfordert. Fast täglich suchen vor allem Hundebesitzerinnen und -besitzer nach einem neuen Zuhause für ihre Tiere und kontaktieren eine Institution. «Die Schweizer Tierheime sind voll und wir wissen nicht mehr, wohin mit diesen Tieren», sagt Silja Patt, Co-Geschäftsleitung des Tierheims Chur, gegenüber Radio Südostschweiz. Patt hat den Verdacht, dass es sich oft um Tiere handelt, die während der Pandemie angeschafft wurden. Die Besitzerinnen und Besitzer hätten aber oftmals nicht über die Zeit der Coronamassnahmen und des Homeoffice hinausgedacht.
Mittlerweile werden Tiere im Internet bestellt, als wären sie ein Paar Schuhe.»
Silja Patt, Co-Geschäftsleitung im Tierheim Chur
Nicole Fröhlich vom Hundeheim «NF dogshome» in Bad Ragaz erzählt ebenfalls von einer vollen Tierstation. Fröhlich führt die gehäuften Fragen aber nicht nur auf Corona zurück. «Wir haben beispielsweise jeweils vor den Sommerferien viele Anfragen. Meist sind es Anfragen von Leuten, die komplett überfordert mit dem Tier sind.» Auch bei ihr haben sich die Anfragen nach einem neuen Platz für Tiere in den letzten Jahren gehäuft.
Nebst den Tieren, die während der Coronazeit angeschafft wurden, sehen sowohl Silja Patt wie auch Nicole Fröhlich ein grosses Problem: den Onlinehandel mit Tieren. «Mittlerweile werden Tiere im Internet bestellt, als wären sie ein Paar Schuhe. Danach merkt man erst, dass man ein Tier nicht so einfach zurückgeben kann», so Patt vom Tierheim Chur. Für beide Tierkennerinnen ist es massgebend, dass man ein Tier vor der Übernahme kennenlernen kann.
Hat euch euer Haustier schon einmal überfordert?
Ausländische Hunde bringen Probleme mit
Durch den Onlinehandel von Tieren werden immer mehr Tiere aus dem Ausland in die Schweiz gebracht. Es häufen sich Probleme wie Krankheiten oder Hunde mit schwierigen Vergangenheiten. Dem sind sich zukünftige Besitzerinnen und Besitzer bei der Anschaffung oftmals nicht bewusst. Was bleibt, sind überforderte Besitzerinnen und Besitzer und teils hohe Tierarztrechnungen.
Die Leute sind nicht mehr bereit, sich ein Problemtier anzuschaffen.»
Silja Patt, Co-Geschäftsleitung im Tierheim Chur
Im Hundeheim von Nicole Fröhlich finden sich viele Hunde mit schwierigen Vergangenheiten. Es sind beispielsweise Hunde, die bereits in jungen Jahren mehrfach die Besitzer wechselten und Probleme mit Artgenossen und Menschen aufweisen. Hunde hätten es in unserer Gesellschaft immer schwieriger, so Fröhlich. Sie hätten kein natürliches Umfeld mehr und leben sehr nahe am Menschen. Die Bereitschaft, Tiere aufzunehmen, die nicht in unseren Alltag passen, schwindet. Oder anders gesagt: «Die Leute sind nicht mehr bereit, sich ein Problemtier anzuschaffen», so Patt. Im Tierheim Chur stelle man längere Vermittlungszeiträume fest, sobald auch beispielsweise Katzen ein Problem aufweisen oder nicht so verschmust sind.
Wünsche und Massnahmen
Doch was müsste sich laut den Tierkennerinnen Silja Patt und Nicole Fröhlich ändern? Sowohl Patt wie auch Fröhlich appellieren an die Verantwortung der vermittelnden Akteure, seien dies Organisationen, Tierheime oder Freunde. Fröhlich meint: «Man bräuchte ein Gesetz, in dem jeder Vermittler in der Pflicht wäre, den Hund zurückzunehmen. Dann würde man das Problem lösen.»
Dass die Hunde zu Wanderpokalen werden, haben sie nicht verdient.»
Nicole Fröhlich, Gründerin und Geschäftsführerin «NF dogshome» in Bad Ragaz
Ein langsamerer Vermittlungsprozess und eine Bedenkzeit würden sowohl den Besitzerinnen und Besitzern wie auch den Tieren zugutekommen. «Dass die Hunde zu Wanderpokalen werden, haben sie nicht verdient», so Fröhlich. Damit dies nicht passiert, gibt es bei einer Vermittlung über «NF dogshome» mehrere Treffen mit Interessentinnen und Interessenten. Die zukünftigen Herrchen und Frauchen würden über eine lange Zeit begleitet werden und es gebe zuerst einen Probemonat, bevor der Hund ein definitives neues Zuhause bekommt. Falls eine weitere Begleitung gewünscht ist, können die neuen Hundebesitzerinnen und -besitzer auch nach einer Übernahme auf das Hundeheim zukommen.
Ein Hund gehört nicht als Geschenk unter den Christbaum.»
Nicole Fröhlich, Gründerin und Geschäftsführerin «NF dogshome» in Bad Ragaz
Wenn wir gerade bei Wünschen sind, hat Fröhlich gerade in der jetzigen Zeit ein aktuelles Anliegen: keine unüberlegten Tiergeschenke am Weihnachtsabend. Allgemein seien schnelle Anschaffungen von Haustieren keine gute Idee, schon gar nicht, wenn es vor Weihnachten gemacht wird.