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Schweiz und Welt

In Gedanken bei den Menschen in der Ukraine

Linth-Zeitung
05.03.2022, 04:30 Uhr
gestern um 12:16 Uhr

von Jérôme Stern

Freitagabend, Hauptplatz Rapperswil: Auf dem Schlossturm hoch oben weht die ukrainische Nationalflagge, weiter unten wird die Stadtkirche mit denselben blau-gelben Farben angestrahlt. Auf den Platz strömen mit jeder Minute mehr Menschen. Viele zünden Kerzen an, um ihre Solidarität mit der Ukraine zu bekunden.

Am oberen Ende des Platzes steht ein schlaksiger Mann mit der Nationalflagge des Landes. Es ist Oleksandr Sasha Volkov, schweizerisch-ukrainischer Doppelbürger. In wenigen Minuten wird er zu der Menge sprechen und vom Schicksal seiner Familienangehörigen und Freunden in seinem Heimatland erzählen.

Doch zuvor ergreift Raimond Gatter das Mikrofon und begrüsst die Menschen. Gemeinsam mit der SP-Politikerin Susann Helbling hat er die Kundgebung organisiert. Seine Ansprache besteht in einem eindrücklichen selbst geschriebenen Gedicht über die Opfer des Krieges – sowohl auf ukrainischer wie auch auf russischer Seite. Schliesslich bittet er die Menschen, eine Schweigeminute einzulegen, worauf es urplötzlich still auf dem Platz wird.

«Was sage ich meinen Kindern?»

Als Nächstes spricht Susann Helbling. Und auch sie findet berührende Worte. «Was sagt man, wenn einem die Worte fehlen? Was sagt man, wenn das Unvorstellbare live im Fernsehen übertragen wird?», beginnt sie ihre Ansprache. Sie sei wütend darüber, wie zögerlich und träge unsere Regierung zuerst gehandelt habe. Sie sei wütend wegen Putins Propaganda, fährt Helbling fort.

Eindrückliche Schilderungen

Ihre Worte klingen in der Tat zornerfüllt. Sie betont, dass es auch in Rapperswil-Jona ein Zeichen brauche. «Ein Zeichen gegen Putins schamlosen Krieg.» Gleichwohl brauche es noch etwas anderes, und zwar ein Versprechen zur Solidarität. Es sei richtig, dass Menschen heute zusammenkommen. «Doch die Menschen in der Ukraine brauchen unser Mitgefühl auch noch in Wochen oder Monaten.» Dann schaut sie in die Menge und schliesst ihre Ansprache mit den Worten: «Es ist besser, eine Kerze anzuzünden als über die Dunkelheit zu klagen.»

Darauf bedankt sich Oleksandr Sasha Volkov bei Helbling und richtet seine Worte an die Menschen: «Seit acht Tagen und Nächten schlagen Raketen in den Städten ein. Besonders betroffen sind Kiew und Charkiw. In beiden Orten leben meine Familienmitglieder und Freunde.» Dies sei kein gewöhnlicher Krieg, sondern eine gross angelegte terroristische Aktion, bei der schon Tausende umgekommen und Hunderttausende auf der Flucht seien. Laut Volkov kann man den Menschen in der Ukraine jetzt am besten mit Geldspenden helfen. Es gebe zahlreiche Hilfsorganisationen, die das Geld gezielt einsetzen könnten.

Managerin zeigt Betroffenheit

Einen tiefen Einblick in das aktuelle Geschehen gibt auch Franziska Tschudi, CEO der Weidmann AG, welche ein Werk in der Ukraine betreibt. Sie stehe in täglichem Kontakt mit ihren dortigen Kollegen, sagt Tschudi der Moderatorin Julia Büsser. «Wir telefonieren jeden Abend, und langsam kriegen sie es mit der Angst zu tun.» Wie könne sie in dieser Situation helfen, erkundigt sich Büsser. «Indem wir ihnen das Gefühl geben, dass wir sie nicht als verloren sehen», antwortet Tschudi. Sie sei überzeugt, dass die Menschen in der Ukraine diese positive Haltung spüren. «Ich bin sicher, dass das ankommt.»

Eine Hilfe zur Flucht ist laut Tschudi bei ihren dortigen Mitarbeitern gar nicht erwünscht. «Sie wollen ihr Land nicht verlassen.» Dann richtet auch sie denselben Appell an die Leute: «Bitte vergessen Sie die Menschen in der Ukraine nicht, auch wenn der Konflikt noch Wochen oder Monate dauert.» Ihr Aufruf findet an diesem Freitagabend zahlreiche offene Ohren und Herzen.

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