«Alle drei Häuser gibt es noch»
Das erste Mal in die Berge zog es den aus dem Aargau stammenden Wirtschaftsspezialisten nach St. Moritz, von wo es ihn bald als Gemeindekanzlist nach Ardez verschlug, wo er für die ganze Administration der 400-Seelen-Gemeinde verantwortlich war. «Mein Romanisch ist seither etwas eingerostet», erinnert er sich an jene fünf Jahre. Dann war die Zeit für eine Fortbildung gekommen, die Gautschi an der Fachhochschule St. Gallen absolvierte, wo er als Betriebsökonom abschloss. Später fügte er dem noch einen Masterabschluss der Uni Zürich hinzu. Da war er schon fest im Gesundheitswesen angekommen. «Eigentlich war Treuhänder mein Berufsziel, doch ich geriet über ein Praktikum auf eine andere Schiene und schrieb schliesslich meine Diplomarbeit auf diesem Gebiet.» Die Berge liessen ihn indes nicht los, und seine nächste berufliche Station war das Spital Samedan, das er nach vier Jahren für die Aufgabe als Direktor am Davoser Spital und Pflegeheim verliess. «Damals ging es unter anderem um eine Professionalisierung des Rettungsdienstes», erzählt er von der Zeit Mitte der 90er-Jahre. «Ausserdem konnten wir die Zahl der Dialyse-Patienten verdoppelten, indem wir unsere Station für Touristen öffneten.» Dann war da noch die Frage der Anschaffung eines der die Diagnosemöglichkeiten revolutionierenden, aber enorm teueren Computertomografen (CT). «Das gelang uns dank des Engagements des damaligen Chefarzts der Chirurgie und Mitglied der Spitalleitung Peter Holzach und eines privaten Sponsors.»
«Die Stimmung war angespannt»
2001 verliess Gautschi mit seiner Familie Davos, um am Zürichsee und später im Aargau Spitalleitungen zu übernehmen. Mitentscheidend für diesen Schritt war, dass die Behandlungsmöglichkeiten für die ältere, unter einer Cerebralparese leidenden Tochter dort besser waren. 2015 zog es ihn nach Davos zurück. «Wenn jemand in einer Funktion wie der meinen ist, will er etwas bewegen», erklärt er. Zuerst habe er zwar gezögert, den Ruf der Hochgebirgsklinik (HGK) am Wolfgang anzunehmen, die wirtschaftliche Situation sei so kurz nach dem Fast-Konkurs alles andere als sicher gewesen. «In erster Linie ging es darum, aus der deutschen eine schweizerische Klinik zu machen.» Dabei halfen ihm die in der Zeit im Grossraum Zürich geknüpften Beziehungen. «Für einen deutschen Rentenversicherungspatienten gab es pro Tag lediglich 180 Franken. Damit konnte niemand überleben. Also ging ich trommeln für Schweizer Zuweiser.» Denn die Abgeltung für Schweizer Patienten betrug damals etwa das Dreifache des deutschen Ansatzes. Als er seine Tätigkeit in der HGK angetreten habe, sei die Stimmung ausgesprochen angespannt gewesen, erinnert sich Gautschi. Aber auch an die enorme Aufbruchstimmung, die bald aufgekommen sei. Zwar sei er immer dem Geld nachgerannt, habe gleichzeitig aber enorm viel bewegen können, bilanziert er. Der Anfang der baulichen Umgestaltung der Klinik gehört dazu, genauso wie die Erweiterung des Leistungsauftrags um die Fachbereiche Kardiologie und Psychosomatik.
Grössere Strukturen schaffen
Da war es nicht verwunderlich, dass schon bald grössere Aufgaben auf Gautschi warteten. Im Oktober 2017 trat er als CEO der Stiftung Zürcher Reha Zentren mit den Standorten Clavadel und Wald im Zürcher Oberland an. «Eine meiner ersten Aufgaben war die Vergrösserung um den Standort Uster und der Neubau der Klinik Wald.» Bei beiden Fällen galt es, Frust auszuhalten. «Beim Ersteren widersetzte sich der Kanton Zürich aufgrund der unsicheren finanziellen Lage des Spitals Uster, und wir mussten das fertig ausgearbeitete Projekt begraben.» Etwas besser sieht es in Wald aus. «Dort blockiert zwar noch die Einsprache von Nachbarn den Neubau der Klinik, doch es sollte nicht mehr lange dauern.» Zu lange für Gautschi, der eigentlich davon geträumt hatte, noch beide Standorte eröffnen zu können.
Mehr Erfolg beschieden war Gautschi bei der Auslagerung der Administration der beiden Kliniken und der inzwischen erfolgten Verschmelzung mit der Stiftung Kliniken Valens. «Im Gesundheitswesen machen grössere Strukturen Sinn, ganz besonders bei der Rehabilitation.» Die nun bestehende Einheit mit 12 Standorten und einem Mitarbeiterbestand von rund 2300 Leuten sei daher eher imstande, neue Herausforderungen anzunehmen. «Ich sah meine Aufgabe immer darin, auf die nächsten zehn Jahre hinaus zu planen», sagt Gautschi und sieht einschneidende Veränderungen kommen: «Die Generation der Babyboomer scheidet aus dem Arbeitsleben aus. Das bedeutet einen Rückgang von 15 bis 20 Prozent an Arbeitnehmenden.» Daher müssten diese zukünftig dort eingesetzt werden, wo es sie wirklich brauche. «Künstliche Intelligenz kann zum Beispiel im Dokumentationsbereich einiges übernehmen.»
Corona-Pandemie
Dann erlaubt er sich einen Rückblick. «Zuerst war die Pandemie noch in China und weit weg», erinnert sich Gautschi. Gespräche mit Tessiner Kollegen hätten die Gefahr aber immer näher rücken lassen, bis an jenem Freitag, 13. März 2020, an dem der Corona-Lockdown verhängt wurde. «Ich musste die Situation in Graubünden wie Zürich bewältigen, und unser grösstes Problem war das Fehlen von Hygienematerial.» So wurde es einsam in den Rehakliniken. «Das Essen wurde wieder alleine im Zimmer eingenommen, Gruppentherapien abgesagt.» Um die Patienten zu animieren, selber mehr zu machen, hätten sie einen Übungsparcours aufgebaut. «Wir mussten uns mit dem Vorhandenen behelfen.» Die Patientenstruktur veränderte sich. Reha-Aufenthalte wurden verschoben – «Warum sollten die Leute in eine Klinik kommen und sich dort möglicherweise anstecken lassen?» – Covid-Patienten ersetzten sie. «Insgesamt meine ich, dass die Schweiz es während der Pandemie gut gemacht hat.»
«Bin hier zu Hause»
Nun freut sich Gautschi auf die kommende Zeit. Die operative Leitung der Klinik hatte er Ende 2024 an seine Nachfolgerin Janine Loher übergeben und die letzten drei Monate noch mit einigen Abschluss- und Archivierungsarbeiten verbracht. «Alle drei Davoser Häuser, in denen ich arbeitete, gibt es noch», stellt er mit Blick auf das Davoser Kliniksterben befriedigt fest. Doch seine Zeit im Gesundheitswesen ist definitiv vorbei. «Das Wohnmobil steht bereit, damit fahren meine Frau und ich zuerst einmal auf die iberische Halbinsel.» Ausserdem will er die Möglichkeiten von Davos geniessen. «Skifahren im Winter, Biken und Golfen im Sommer.» Die Berge haben es ihm ganz klar noch immer angetan, aber auch die Tatsache, in einer Stadt zu leben und die Einkäufe doch mit dem Fahrrad erledigen zu können.