Karim Benzemas Rückkehr
Was war das für ein Abend vor Kurzem im Bernabéu im Rückspiel des Champions-League-Viertelfinales. Da lag Real Madrid gegen Chelsea mit 0:3 zurück und sah nach dem 3:1-Erfolg im Hinspiel schon wie der sichere Verlierer aus, ehe Rodrygo in der 80. Minute per Volleyabnahme das Team in die Verlängerung rettete. Dann, in der 95. Minute, Auftritt Benzema: Der Real-Stürmer sprintet in den Strafraum, schleicht seinen Bewachern davon – und köpft den Ball nach einer Flanke von Offensivpartner Vinícius Júnior wuchtig ins Tor. 2:3, das Bernabéu bebt. Nach seinem Hattrick im Hinspiel hat Benzema die Königlichen fast im Alleingang ins Halbfinale der Champions League geschossen, wo die «Königlichen» heute Dienstag bei Manchester City antreten.
Das Spiel steht sinnbildlich für die Karriere des Franzosen, die jetzt, im Alter von 34 Jahren, ihren Höhepunkt erreicht hat: Benzema gilt als beste Neun der Welt, kürzlich hat er sogar Klublegende Alfredo Di Stéfano als drittbesten Real-Torschützen eingeholt. Benzema war lange das enfant terrible des französischen Fussballs. Nur ein kleiner Auszug aus seinem polizeilichen Führungszeugnis. 2013: Führerscheinentzug. 2014: Prozess um Sex mit einer minderjährigen Prostituierten. 2015: Sextape-Skandal.
Nachdem bekannt wurde, dass Benzema seinen damaligen Mannschaftskameraden Mathieu Valbuena mit einem Sexvideo erpresst haben soll, flog er aus der französischen Nationalmannschaft – und wurde zur persona non grata. In Madrid haben sie nur müde darüber gelächelt, dort ist man Affären des Königs gewöhnt, doch in der Heimat wuchs sich der Fall zu einer Staatsaffäre aus. Das hat auch mit Benzemas Herkunft zu tun.
Aufgewachsen in der Banlieue
Der Sohn algerischer Eltern wächst in der Banlieue von Lyon auf, in Bron-Terraillon, eine Trabantensiedlung mit 39 000 Einwohnern. Die Arbeitslosigkeit ist hoch, die Kriminalität auch. «Zone de sécurité prioritaire» – so nennt man im Verwaltungsfranzösisch Brennpunkte, wo Drogenbanden und Clans den Alltag dominieren. Karim ist das sechste von neun Kindern. Seine Grosseltern stammen aus der Kabylei, jener Berberregion in Algerien, wo auch die Familie seines grossen Idols Zinedine Zidane herkommt. Die Familie wohnt in beengten Familien in einer Sozialwohnung, das Einkommen des Vaters, der als Hausmeister im Rathaus einer Nachbargemeinde arbeitet, reicht gerade so, um die Kinder durchzukriegen. Der kleine Karim, so erzählte es seine Mutter einmal in einer TV-Dokumentation, soll in der Wohnung so viel Krach gemacht haben, dass sie einen Softball kaufen mussten.
Für den Jungen gibt es nur eines: Fussball. Zwischen den betrüblichen Betonbauten der Plattenbausiedlung kickt er bei Wind und Wetter auf dem Bolzplatz, mal mit seinem kleinen Bruder, mal mit der Mutter, die als Torhüterin aushelfen muss. Und wenn keiner Zeit hat, spielt er eben allein, auf dem Pausenhof der Grundschule.
Sein Talent bleibt nicht verborgen: Bei einem Jugendturnier werden Scouts von Olympique Lyon auf den damals Neunjährigen aufmerksam, er wechselt in die Jugendakademie des Klubs, wo ihn der Vater fünf Mal pro Woche hinfährt. Der kleine Karim gilt noch immer als pummelig und träge, er macht nicht viel fürs Spiel, entwickelt aber diesen Killerinstinkt vor dem Tor. Er durchläuft alle Jugendmannschaften, wird Teil einer goldenen Generation um Hatem Ben Arfa und Rémy Riou. Dann kommen das schnelle Geld und die falschen Freunde. Von seinem ersten Profigehalt kauft er sich einen BMW M6.
Die Art und Weise, wie Benzema sein Leben auf Instagram erzählt – schnelle Autos, schöne Frauen, teure Uhren – erinnert an den Jetset eines Hip-Hop-Stars. In Gesellschaft seiner Rapperfreunde Rohff und Booba fühlt sich der bekennende Muslim, der auch im Ramadan fastet, wohler als in den weinseligen Runden der VIP-Logen.
Manchmal Franzose, manchmal Araber
Man muss diese Sozialisation im Hinterkopf haben, um die Aussenwirkung des Menschen Benzema zu verstehen. Wenn immer der Stürmerstar für negative Schlagzeilen sorgt, sehen die Franzosen in ihm das Gettokind, das sich nicht benehmen kann. Benzema, der sowohl die französische als auch die algerische Staatsbürgerschaft besitzt, hat das schon früh bemerkt. In einem Interview mit dem Magazin «So Foot» sagte er 2011: «Wenn ich treffe, bin ich Franzose. Aber wenn ich nicht treffe oder es Probleme gibt, bin ich Araber.»
Auf die Frage, warum er für die französische, und nicht für die algerische Nationalmannschaft spielt, sagte Benzema 2006 in einem TV-Interview, das liege «mehr an der sportlichen Seite». Das – später sinnentstellend verfälschte – Zitat flog ihm immer wieder um die Ohren und wurde ihm als mangelnde Vaterlandsliebe ausgelegt. Dass er bei Länderspielen die «Marseillaise» nicht singt, weil sie zum Krieg aufrufe, und er sich nach dem Champions-League-Sieg 2018 mit der algerischen Flagge ablichten liess, beruhigte die Zweifler nicht, im Gegenteil. Man verlangt von ihm ein noch stärkeres Bekenntnis zur Nation als von anderen.
So geriet auch seine Rückkehr in die Equipe Tricolore im vergangenen Jahr zum Politikum. Der rechtsextreme Publizist und Politiker Eric Zemmour, der selbst algerischer Abstammung ist und gefordert hatte, dass sich Zidane mit Vornamen «Jean» nennen sollte, säte Zweifel, ob sich Benzema französisch fühle. Und auch die rechtsextreme Präsidentschaftskandidatin Marine Le Pen attackierte den Stürmer in der Öffentlichkeit. Doch im Gegensatz zu Landsleuten wie Paul Pogba, der nach Recherchen von «Mediapart» seine Millionen in Steueroasen parkt, zahlt Benzema seine Steuern in Frankreich – seine Firma «Best of Benzema» sitzt in Lyon.
Allmählich beginnen auch die französischen Fans seine Verdienste für das Land zu würdigen und Benzema nach seinen sportlichen Leistungen zu beurteilen. Die spielen längst in einer Liga von Platini, Cantona und Zidane. Wenn der Real-Stürmer jetzt auch noch den Ballon d'Or holt, dürfte er in Frankreich endgültig rehabilitiert sein.