Für die Ukraine tut sich eine Chance auf

Seit wir am 1. Mai an dieser Stelle über einen Wendepunkt im Krieg Russlands gegen die Ukraine berichtet haben, ist die Auseinandersetzung mit diesem Thema in vielen Medien und Thinktanks zum Alltag geworden. Wie tragfähig ist diese These?
Wichtig ist: Ein Wendepunkt ist noch kein Sieg. Die Definition von Sieg für die Ukraine ist ein separates Thema. Im rein militärischen Sinne bedeutet ein Wendepunkt im Krieg einen Wechsel der Initiative – den Übergang von der Verteidigung zur Offensive an der Front. Das ukrainische Militär hat im Frühjahr in bestimmten taktischen Bereichen Erfolge erzielt und baut diese weiter aus. Die russischen Streitkräfte greifen jedoch in den meisten Richtungen an, insbesondere in der wichtigsten – in der Region Donezk. Die strategische Initiative liegt weiterhin bei Russland.
Das ist nicht Putins Stalingrad. Treffender ist ein Vergleich mit dem Ersten Weltkrieg.
Was sich vor zwei Monaten geändert hat und was weiterhin gilt, ist, dass die Vorstellungen von Putins Überlegenheit und der Unbesiegbarkeit Russlands schwinden. Der russische Herrscher und der russische Staat verlieren an Sakralität.
Die Dynamik ist für die Russen nicht positiv. Sie befinden sich nach wie vor in einer Pattsituation und suchen nach neuen Taktiken.
Das Frühjahr 2026 ist für Russland nicht das, was Stalingrad 1942 oder Kursk 1943 für Nazideutschland war. Vielmehr wäre der Erste Weltkrieg ein passendes Beispiel: In einem Zermürbungskrieg steuert Russland, wie damals Deutschland, auf seine Niederlage zu, während es auf dem angegriffenen fremden Territorium noch in der Offensive ist.
Genau wie im Fall Deutschlands im Ersten Weltkrieg wird die letzte «entscheidende» Offensive Russlands der entscheidende Schritt in Richtung Scheitern sein.
Was sehen wir derzeit konkret?
- Die ukrainische Kampagne mit Tiefenschlägen beschädigt russische Ölraffinerien und Militärfabriken. Diese Schläge haben eine politische und soziale Dimension. Ihre Flammen sind gut sichtbar und verunsichern die russische Gesellschaft.
- Russlands Offensive 2026 ist nicht in Gang gekommen, obwohl es mittlerweile Mitte Juni ist. Die Zahl der russischen Vorstösse im Juni ist nach wie vor gering, während die Personalverluste hoch sind und weiter steigen. Im Gegensatz zu den beiden vorangegangenen Jahren der russischen strategischen Offensive ist die Dynamik im Juni schlechter als im Mai.