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Kolumne
Brief aus dem Krieg

Für die Ukraine tut sich eine Chance auf

Noch hat sich das Blatt im Krieg gegen Russland nicht gewendet. Aber es steht auf der Kippe, und die Ukraine hat die Chance, die Wende in den nächsten zwei, drei Monaten herbeizuführen.
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Viktor Schewtschuk
heute um 16:48 Uhr

Seit wir am 1. Mai an dieser Stelle über einen Wendepunkt im Krieg Russlands gegen die Ukraine berichtet haben, ist die Auseinandersetzung mit diesem Thema in vielen Medien und Thinktanks zum Alltag geworden. Wie tragfähig ist diese These?

Wichtig ist: Ein Wendepunkt ist noch kein Sieg. Die Definition von Sieg für die Ukraine ist ein separates Thema. Im rein militärischen Sinne bedeutet ein Wendepunkt im Krieg einen Wechsel der Initiative – den Übergang von der Verteidigung zur Offensive an der Front. Das ukrainische Militär hat im Frühjahr in bestimmten taktischen Bereichen Erfolge erzielt und baut diese weiter aus. Die russischen Streitkräfte greifen jedoch in den meisten Richtungen an, insbesondere in der wichtigsten – in der Region Donezk. Die strategische Initiative liegt weiterhin bei Russland.

Das ist nicht Putins Stalingrad. Treffender ist ein Vergleich mit dem Ersten Weltkrieg.

Was sich vor zwei Monaten geändert hat und was weiterhin gilt, ist, dass die Vorstellungen von Putins Überlegenheit und der Unbesiegbarkeit Russlands schwinden. Der russische Herrscher und der russische Staat verlieren an Sakralität.

Die Dynamik ist für die Russen nicht positiv. Sie befinden sich nach wie vor in einer Pattsituation und suchen nach neuen Taktiken.

Das Frühjahr 2026 ist für Russland nicht das, was Stalingrad 1942 oder Kursk 1943 für Nazideutschland war. Vielmehr wäre der Erste Weltkrieg ein passendes Beispiel: In einem Zermürbungskrieg steuert Russland, wie damals Deutschland, auf seine Niederlage zu, während es auf dem angegriffenen fremden Territorium noch in der Offensive ist.

Genau wie im Fall Deutschlands im Ersten Weltkrieg wird die letzte «entscheidende» Offensive Russlands der entscheidende Schritt in Richtung Scheitern sein.

Was sehen wir derzeit konkret?

  • Die ukrainische Kampagne mit Tiefenschlägen beschädigt russische Ölraffinerien und Militärfabriken. Diese Schläge haben eine politische und soziale Dimension. Ihre Flammen sind gut sichtbar und verunsichern die russische Gesellschaft.
  • Russlands Offensive 2026 ist nicht in Gang gekommen, obwohl es mittlerweile Mitte Juni ist. Die Zahl der russischen Vorstösse im Juni ist nach wie vor gering, während die Personalverluste hoch sind und weiter steigen. Im Gegensatz zu den beiden vorangegangenen Jahren der russischen strategischen Offensive ist die Dynamik im Juni schlechter als im Mai.
  • Die ukrainische Kampagne mit mittelweiten Schlägen ist im Gange. Sie könnte direkte Auswirkungen auf das Schlachtfeld haben. Die russische Logistik ist an der Südfront besonders anfällig, da sie sich auf einem relativ schmalen Landstreifen erstreckt.
  • Die Krim ist verwundbar, da sie nur über eine Brücke bei Kertsch mit dem russischen Festland verbunden ist. Vier Landübergänge zu den besetzten Gebieten der Südukraine stehen unter Beschuss. Im Laufe des letzten Monats hat sich die Krim für Moskau von einem logistischen Knotenpunkt zu einem logistischen Problem gewandelt. Dies gilt nicht nur für militärische, sondern auch für zivile Versorgungsgüter.
  • Wenn die Mittelstrecken-Luftangriffe anhalten, besteht die Chance, dass ukrainische Drohnen das erreichen, was den Bodentruppen während der Offensive 2023 nicht gelang – nämlich die Krim und die besetzten Teile der Regionen Cherson und Saporischschja von ihren Nachschubwegen abzuschneiden.
  • Wichtige Nachschubrouten in den besetzten Regionen Donezk und Luhansk sind derzeit Ziel von Drohnenangriffen. Noch wichtiger ist, dass eine grosse Strasse in Russland, die entlang der ostukrainischen Grenze von Norden nach Süden verläuft, bald ebenfalls zum Ziel werden könnte.

Die Ukraine hat ein Zeitfenster bis September

Einige Beobachter betrachten diese Phase des Krieges als eine seiner vielen Schwankungen und behaupten, dass sich das Blatt ohnehin wieder wenden werde. Vielleicht ja, vielleicht nein. Russland hat die Obergrenze seiner technischen und wirtschaftlichen Kapazitäten erreicht. Die Ukraine wird dank der Flexibilität wettbewerbsfähiger Unternehmen, westlicher Technologien und Kommunikationsmittel, einschliesslich Starlink, mit dem technischen Fortschritt Schritt halten.

Es gibt ein Zeitfenster von zwei bis drei Monaten für die ukrainische Mittelstrecken-Kampagne, bis die Russen Gegenmassnahmen entwickeln. Wenn die Frontlinie hält und der Schaden an der russischen Logistik gross genug ist, wird das ein starkes Argument für einen Wendepunkt in diesem Krieg in rein militärischer Hinsicht geben.

Eine verstärkte Zwangsmobilisierung wird für den Kreml eine Option der letzten Wahl bleiben. Doch dies ist etwas, das Putin nach Kräften zu vermeiden versucht. Und vor den Wahlen in Russland im September ist dies kaum möglich. Dies verlängert das Zeitfenster für die Ukraine.

Über den Autor

Unter dem Namen Viktor Schewtschuk schreibt an dieser Stelle regelmässig ein ukrainischer Militärexperte, Politikwissenschaftler und aktiver Offizier. Er drückt seine persönliche Meinung aus, die auf allgemein zugänglichen Informationen beruht.