Fünf Wolfsrudel im Kanton und deutlich mehr Risse
Was die lokale Wildhut bereits während der Paarungszeit der Wölfe im Winter vermutete, hat das kantonale Amt für Jagd und Fischerei nun gestern bestätigt: Um Sedrun und Disentis hat sich ein weiteres Wolfsrudel gebildet. Bislang konnten drei Jungtiere beobachtet werden. Somit haben fünf Rudel ihr Revier in Graubünden. Zählt man das Morobbia-Wolfsrudel an der Kantonsgrenze zum Tessin dazu, sind es sechs bestätigte Rudel, welche ihre Streifgebiete im Kanton haben.
Das Revier des neuen Wolfsrudels um Sedrun umfasst das Gebiet Sursassiala und erstreckt sich über die Gemeindegebiete Tujetsch, Disentis/Mustér und Medel/Lucmagn. Der Wolfsrüde M125 wurde gemäss dem kantonalen Jagdinspektor Adrian Arquint im vergangenen Winter besendert, um das Tier zu vergrämen. Das neue fünfköpfige Wolfsrudel heisst gemäss Jagdamt Stagiasrudel.
Weitere Rudel mit Welpen
Ebenfalls Nachwuchs haben drei weitere Bündner Wolfsrudel, nämlich das Beverinrudel, das Ringelspitzrudel und das Valgrondarudel um Obersaxen, wie Arquint gestern bestätigte.
Beim Beverinrudel ist noch nicht klar, wie viele Welpen in diesem Sommer zu Welt kamen. Das kantonale Jagdamt geht aber davon aus, dass das Wolfspaar zum zweiten Mal Nachwuchs hat; denn rund um den Glaspass haben sowohl Schafhirtinnen wie auch Wildhüter mehrere Male die Rufe von Wolfswelpen gehört.
Sicher ist hingegen, dass sich das Ringelspitzrudel zum dritten Mal vermehrt hat. Auf einer Alp auf der Nordseite von Ilanz hat die Wildhut nämlich zwei erwachsene Wölfe mit fünf Jungwölfen beobachtet. «Der Aufenthaltsort deutet darauf hin, dass es sich dabei um das Ringelspitzrudel handelt», sagt Arquint.
Schliesslich gibt es Hinweise darauf, dass sich das Valgronda-Wolfsrudel um Obersaxen fortgepflanzt hat. Auf einem Fotofallenbild sind drei oder vier Welpen zu erkennen.
Typische Ausbreitung
Immer noch zu den Rudeln gezählt werden die Wölfe am Calanda, obwohl unklar ist, wann sie das letzte Mal Nachwuchs hatten. Arquint vermutet, dass dies im letzten, allenfalls im vorletzten Jahr der Fall war. «Dennoch gelten die restlichen Tiere des einstigen Rudels immer noch als Gruppenverband», erklärt Arquint.
Wenig überraschend ist für ihn, dass sich – trotz hoher Sterblichkeit der Jungtiere – jetzt ein weiteres Wolfsrudel in der Surselva gebildet hat. «Es ist typisch, dass das Revier eines neuen Rudels an ein bestehendes Revier grenzt», erklärt er. Hinzu kommt, dass die Leitwölfin F31 des neuen Stagiasrudels vom Calandarudel abstammt.
Mehr Konfliktpotenzial
Die Landwirtschaft sei durch die exponentielle Zunahme der Wolfspopulation stark gefordert, betont Arquint einmal mehr. «In unserer intensiv genutzten Kulturlandschaft birgt die zunehmende Wolfspopulation aber auch weiteres Konfliktpotenzial, etwa, wenn man an Herdenschutzhunde und Wanderer oder Biker denkt», sagt er.
Deutlich mehr Risse
Bislang wurden in diesem Jahr insgesamt rund 120 Nutztiere gerissen, davon rund 60 Tiere aus geschützten Herden. «Die Risse sind gegenüber dem Vorjahr deutlich angestiegen», erklärt Arquint.
Mehr Risse gab es heuer auf Heimweiden: Von den total 120 gerissenen Tieren wurden 60 auf einer Heimweide getötet. Sorgen bereiten dem Jagdinspektor denn auch verhaltensauffällige Einzelwölfe und Rudel.
Zuordnung nicht einfach
Dennoch kann der Kanton keine Abschussbewilligung beim Bund beantragen. Nach der heute geltenden Jagdgesetzgebung kann eine solche erteilt werden, wenn ein Wolf erheblichen Schaden an einer geschützten Nutztierherde anrichtet. Dies ist mit den aktuellen Rissen nicht gegeben.
Zudem, so Arquint, sei es nicht immer einfach, die Nutztierrisse einzelnen Wölfen oder Wolfsrudeln zuzuordnen. Eine eindeutige Identifikation sei erst mit einer DNA-Analyse möglich.