Fronturlaub: Dieser Krieg ist zu ernst geworden für Bonbons

Ein Mann in ukrainischer Militäruniform stieg in den Bus ein. Er wirkte ziemlich konzentriert, müde und ein wenig besorgt. Er war der Einzige hier in der regulären ukrainischen Uniform. Ein paar andere Leute und ich sahen zwar wie Militärangehörige aus, trugen aber Zivilkleidung.
Es war ein besonderes Gefühl damals, 2014, während der Ferien vom Krieg im Donbass eine Militäruniform zu tragen. Es war eine Mischung aus Stolz und Freude. Männliche Zivilisten senkten den Blick, wenn sie einem im Lift begegneten. Sie fühlten sich unwohl neben einer Person in Uniform.
Soldaten tragen heute lieber Zivilkleidung
Ähnlich wurde eine Person in Uniform auch noch 2022, zu Beginn der grossangelegten russischen Invasion, hochgeschätzt. Es gab Züge und Busse, die zur Hälfte mit Militär in Uniform besetzt waren. Das ist heute nicht mehr der Fall.
Erstens tragen Soldaten in den Städten nahe der Front aus Sicherheitsgründen lieber Zivilkleidung. Die Drohnenaufklärung hat das Hinterland durchschaubar und verwundbar gemacht. Zweitens wollen Soldaten im Urlaub nicht mit jenen Uniformierten in Verbindung gebracht werden, die an öffentlichen Orten nach neuen Rekruten suchen.
Weniger Menschen in Uniform also, dafür mehr Menschen mit Gehstöcken auf dem Weg zur medizinischen Rehabilitation.
Soldaten im Urlaub erkennen einander an ihren Uhren oder an der Kleidung – aber vor allem und immer an den Augen.
Seit Beginn der russischen Invasion im Jahr 2014 hat sich vieles verändert. Soldaten und Offiziere, reife Männer, schenkten sich damals gegenseitig Süssigkeiten als Zeichen der Aufmerksamkeit gegenüber unbekannten Kameraden. Man konnte wertvolle persönliche Gegenstände unbeaufsichtigt lassen in der Gewissheit, dass niemand sie an sich nehmen würde. Militärchauffeure und Soldaten in Fahrzeugen grüssten sich gegenseitig. Kinder in den Regionen Donezk und Luhansk schwenkten Fahnen am Strassenrand, um ukrainische Soldaten zu begrüssen.
Auch im Jahr 2022 errichteten Kinder improvisierte Strassenposten am Strassenrand. Vorbeikommende Menschen beschenkten sie mit Bonbons und Süssigkeiten. Jetzt sind diese Kinder vier Jahre älter. Sie tragen Uniformen, die wie die offizielle ukrainische Militärkleidung aussehen, und fahren Motorräder und Quads, die an der Front beliebt sind. Eltern oder Nachbarn dieser Kinder sind gefallen oder werden vermisst.