Pro und Contra: Ist Joggen der perfekte Freizeitsport?
Pro – Claudio Sidler
Wenn ich durch einen Wald laufe, ist plötzlich alles weg – und gleichzeitig alles da. Weg ist der Stress, die Termine, die To-Do-Liste. Da ist die ehrliche, und nicht immer nur positive, Reflexion mit mir selbst. Joggen reisst mich raus aus der Gesellschaft, da bin ich nur mit mir. Ich bin nicht erreichbar für Nachrichten, News und Anrufe. Nur erreichbar für meine eigenen Gedanken, die endlich verarbeitet werden können. Denn – ich gebe es zu – ich bin ein Newsjunkie.
Als Journalist ist das fast unumgänglich, trotzdem bin ich mit meiner «Diagnose» nicht alleine. Vielen geht es so in unserer Gesellschaft. Der Soziologe Hartmut Rosa spricht von einer «Überforderung und einer Zeitnot, die der technische Fortschritt mit sich bringt.» Diese neue Technik schenkt unserem Leben viele zusätzliche «freie» Stunden – beispielsweise durch das Auto, das uns schneller nach Hause bringt. Oder den Steamer, den Thermomix, der unser Essen in sekundenschnelle zubereitet. Die Optimierungsmöglichkeiten scheinen grenzenlos zu sein.
Doch anstatt diese gewonnenen freien Stunden tatsächlich zur Erholung zu nutzten, füllen wir diese mit noch mehr Inhalten, Aufgaben und Anforderungen an uns selbst. Um diesen zu entsprechen, multitasken und beschleunigen wir unser Leben, manchmal gar über unsere körperlichen Grenzen hinaus. Die Folge davon: Stress. Zeitnot durch Zeitgewinn, wie es Rosa formulieren würde.
Doch das Joggen holt mich zurück. Es schafft ein Bewusstsein für meine Grenzen. Da gibt es kein Velo, dass mich als Mensch schneller macht, als ich eigentlich bin. Das ist wichtig für den Kopf. Ich komme zur Ruhe. Mein Körper setzt klare Grenzen. Grenzen, die ich bei geistigen Aufgaben gerne ignoriere. Denn wie der Körper stösst auch unsere geistige Verarbeitungsfähigkeit einmal an sein Limit. Wieder ein Satz von Rosa, der sich eingeprägt hat.