Sterbebegleiterin Bigna Zellweger: «Der Tod ist ein Geheimnis»
von Laura Kessler
Sie sind da in den letzten Nächten und Stunden eines Menschen. Sie begleiten und sie unterstützen. Die Sterbebegleiterinnen und Sterbebegleiter des Vereins Tecum engagieren sich als Freiwillige in ganz Graubünden für schwerkranke und sterbende Menschen. Sie halten Sitzwache in Spitälern, Alters- und Pflegeheimen und in privaten Haushalten. Bigna Zellweger aus Tenna ist seit August dieses Jahres Einsatzleiterin und seit drei Jahren Sterbebegleiterin bei Tecum.
Frau Zellweger, wie ist es für Sie, einen sterbenden Menschen zu begleiten?
Bigna Zellweger: Es braucht sensible Antennen und meistens nur wenige Worte. Man muss spüren, was dieser Mensch möchte und braucht. Im fortgeschrittenen Sterbeprozess sind die meisten Menschen nicht mehr ansprechbar. Dann gilt es zu spüren, was sie jetzt gerade brauchen. Manche mögen es, eine Hand zu halten. Andere brauchen Distanz. Die eigenen Ansichten und Meinungen muss ich beiseitelegen und mich ganz auf die Situation einlassen. Schauen, was es im Moment braucht. Das ist herausfordernd aber auch sehr berührend, denn man darf als Sterbebegleiterin Teil eines sehr intimen Momentes sein.
Wie nehmen Sie den Sterbeprozess wahr?
Jeder Prozess ist anders. Sterben ist individuell und dazu gibt es kein Lehrbuch. Wir Lebenden wissen eigentlich gar nichts übers Sterben. Wenn ich das so miterlebe, habe ich oftmals das Gefühl, dass sich die Sterbenden bereits mit einem Bein in einer anderen Welt befinden, von der wir Lebenden nichts wissen. Und mit einem Bein sind sie noch immer hier. Sie sind hin- und hergerissen. Manche können leicht loslassen, andere kämpfen. Oftmals sind diese Menschen in einer Zwischenwelt, zu der wir keinen Zugang haben. Ich kann mit den Sterbenden dann noch sprechen, aber was wirklich ankommt, weiss ich nicht. Deshalb rede ich meistens kaum. Manchmal summe ich, manchmal halte ich die Hand. Ich bin einfach präsent.