Fleur Jaeggy verfasst ihre kurze Prosa wie mit dem Skalpell
Der Schweizer Grand Prix Literatur ist 2025 an die italienischsprachige Autorin Fleur Jaeggy gegangen. Damit rückt ein Werk ins Rampenlicht, das lange Zeit bloss als Geheimtipp galt. Jetzt erscheinen essayistische Porträts von ihr unter dem Titel «Mutmassliche Leben».
Fleur Jaeggy ist 1940 in Zürich geboren. Nach ihrer Schulzeit liess sie sich in Rom nieder, wo sie unter anderem mit Ingeborg Bachmann befreundet war. Seit 1968 lebt sie zurückgezogen in Mailand. Sie war bis zu dessen Tod mit dem Autor und Verleger Roberto Calasso verheiratet.
Nach ersten Publikationen erschien 1989 die Novelle «Die seligen Jahre der Züchtigung», die zum Welterfolg wurde. Das Buch über die Erfahrungen in einem Schweizer Mädchenpensionat begründete einen Stil, der fortan mit Jaeggy assoziiert wurde: eine reduzierte, kristalline Sprache von schmerzhafter Ungerührtheit. Besonders ausgeprägt manifestiert sich diese Schreibweise in ihrer Kurzprosa.
Die Frage nach dem Warum
Warum glauben alle, fragt die zehnjährige Hannelore in der Erzählung «Die Erbin», dass hinter dem menschlichen Tun und Wollen «ein lächerliches Warum» stecken müsse. «Mit triumphierendem und bösem Blick» schaut sie zu, wie eine Frau im Feuer verbrennt, die ihr Gutes getan und sie zur Erbin bestimmt hat. «Nichts ist von Bedeutung», geht es dem Kind dabei durch den Kopf.
Seine Frage trifft ins Zentrum von Jaeggys Erzählungen. Viele ihrer Figuren sind verstossene, gepeinigte, melancholische Charaktere, die nicht ins gesellschaftliche Schema passen. Oft sind sie an ihren glasigen, verschleierten, schmutzigen Augen zu erkennen. Ihr Tun ist erratisch, unverständlich, manchmal boshaft, und es entzieht sich der Frage nach dem Warum.
Gleichwohl gibt es Gründe für ihr Verhalten, die in gestörten Familienbeziehungen, sozialer Isolation oder Gefühlen der Entfremdung liegen. Viele empfinden, wie der Bruder von XX in der gleichnamigen Erzählung, dass «der wahre und einzige Albtraum» das Leben selbst sei.