Fallen uns nun die Berge auf den Kopf?
Die Fakten vorneweg: Seit dem Frühjahr wurden am Südhang der Plattenfluh verstärkt Gesteinsbewegungen beobachtet. Genug, um eine geologische Abklärung vorzunehmen, bei der man zum Schluss gelangte, dass sich da etwa 50 000 Kubikmeter loses Gestein befindet, das abzurutschen droht. Ausreichend Material, um dabei auch den auf der gegenüberliegenden Seite des Ducantals liegenden Bergweg zu erreichen. Aus Sicherheitsgründen wurde dieser daher Anfang Juni gesperrt. Über genau diese Route soll jedoch am 30. Juli die Kaiserstrecke der X-Trails, des Nachfolgelaufs des Alpine Marathons, führen. Daher hatte die Gemeinde beschlossen, eine provisorische Umgehung des gefährdeten Wegabschnittes zu erstellen, wie Patrick Gurini, Leiter technische Dienste der Gemeinde, gegenüber der DZ erklärt hatte. Doch das ist nun unnötig. Am vergangenen Freitag, 8. Juli, konnte vom Sertig aus ein grösserer Abgang aus der Felswand unterhalb der Plattenfluh beobachtet werden. Ein Augenschein und geologische Abklärungen am darauf folgenden Montag ergaben, dass das meiste des losen Materials bei diesem Rutsch abgegangen war und nur noch vereinzelt Geröll in der Höhe hängt. Dieses bietet aber noch immer einiges Potential für Steinschlag, weshalb vorläufig das Betreten des Bereichs unterhalb des Anrissgebietes verboten ist.
Unten im Tal kann man sich gegenwärtig darauf beschränken, den von Starkregen in Mitleidenschaft gezogenen Weg auszubessern, und plant, ihn auf Samstag, 23. Juli wieder freizugeben. «Sofern nichts Aussergewöhnliches mehr passiert.»
Ja und nein
Denn das ist in der rauen Umgebung immer möglich. Zwar kamen seit Menschengedenken in der von Wasser, Eis und Bergstürzen geformten Landschaft Davos beobachtbare Grossereignisse wie die eingangs erwähnten nicht mehr vor. Mal abgesehen von den Rüfen im Anschluss an Starkregen. Doch diese werden nicht zuletzt dank der intensiven Verbauungen immer seltener. Vor diesem Hintergrund beunruhigt es, wenn nun plötzlich Bergrutsche gehäuft auftreten oder es zumindest so scheint. Dies besonders vor dem Hintergrund des immer häufiger thematisierten Auftauens des Permafrosts im Zuge des Klimawandels. Robert Kenner, wissenschaftlicher Mitarbeiter am SLF im Bereich «Alpine Umwelt und Naturgefahren, Permafrost», relativiert: «Aus einem Einzelereignis kann noch nicht auf ein Muster geschlossen werden». So habe weder beim Felssturz am Seehorn noch bei der Duchli-Rüfe Permafrost eine Rolle gespielt. Anders jedoch am Wisshorn wie auch an der Plattenfluh, die beide etwas über 3000 Meter hoch sind. In beiden Fällen liegt dort das Anrissgebiet im Permafrostbereich. «Je nach Exposition und der Sonneneinstrahlung verläuft die Höhenlinie dabei unterschiedlich.» Zu tauen kommt die meist wenige Meter unter der Oberfläche liegende Permafrostschicht, wenn die Oberflächentemperatur vermehrt über dem Gefrierpunkt liegt. Dann kann Wasser tief in die Klüfte und Ritzen eindringen und dort seine destabilisierende Wirkung entfalten. Es erzeugt einen Reibungsverlust und kann sich in Klüften stauen, wodurch ein Druck im Berginneren entsteht. Beim Wiedereinfrieren dehnt es sich aus und erzeugt zusätzlichen Druck. «Permafrost dagegen wirkt wie eine Versiegelung des Berges und verhindert das Eintreten von Wasser», erklärt Kenner. «Daher gibt es gute Gründe anzunehmen, dass solche Ereignisse in Zukunft zunehmen werden.»