Ein neuer Roman sucht Halt im Beben
Die Dramaturgin und Theatermacherin Hayat Erdoğan war bis zum Sommer Co-Direktorin am Theater Neumarkt in Zürich. Am Donnerstag ist ihr Debütroman «Hauptsache kein Zeitgeist» erschienen – ein Plädoyer für echte Verbundenheit, für Offenheit und fürs Lesen.
Die Ich-Erzählerin in Hayat Erdoğans erstem Roman liest am 6. Februar 2023 um 6 Uhr morgens auf dem Handy, dass sich in der Nacht ein schweres Erdbeben ereignet habe. «Ich lese mit unruhigen Lidern: Türkei. Syrien. Nacht. Kälte. Gesichter. Namen. Schmerz. Dann Stille.» So steht es im ersten Absatz von 24 Gesängen beziehungsweise von 24 rastlosen Stunden, in denen sich ein ganzes Leben entfaltet.
Denn was im Inhaltsverzeichnis nach einem linearen Plot aussieht, ist vielschichtig: «Während ich hier mit Ihnen im Café sitze, ruft in meinem Hinterkopf die Pflicht, ein Geruch triggert etwas oder eine Push-Nachricht kommt rein. Das sind Überlagerungen, die wir ständig erleben, mit den Vergangenheiten, die sich darin sedimentieren und ablegen», sagte Erdoğan im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Keystone-SDA.
Erdoğan begann im Juni 2022 mit der Arbeit an diesem Buch, im Winter 2023 wurde der Südosten der Türkei sowie der Norden Syriens tatsächlich von einer verheerenden Naturgewalt getroffen. «Das Motiv des Erdbebens existierte also Monate vor dem realen Ereignis als existenzielle Metapher für Erschütterung und Brüche. Momente von grösster Intensität. Mir geht es darin um eine tiefbohrende Suche, die bis zum Erdkern, dem Geotrauma, reicht und gleichzeitig zu den Sternen, zu planetaren Konstellationen und Göttern aufreisst – oder Männern, die sich selbst zu Göttern erklären.»
Überwältigte Ich-Erzählerin
Die Ich-Erzählerin von «Hauptsache kein Zeitgeist» verarbeitet eine Trennung und müsste gleichzeitig einen Vortrag schreiben für ein Symposium. Sie wühlt sich durch Notizen und durch «Gesichter, Namen und Schmerz». Immer wieder wird sie fast überwältigt von der inneren und äusseren Welt. Erinnerungen und Gegenwart überlagern sich im Versuch, einen Ausdruck und eine Sprache zu finden. Und obwohl sich die Erzählerin in ihrer Wohnung verbarrikadiert, das Handy oft im Flugmodus, sind da viele Stimmen um sie herum: Nachrichten, tröstende Worte, Sorge und ein Katalog von Literaturnachweisen sowie eine Musik-Playlist.