Drei Coronafälle und viele Vorwürfe
Kurz vor Ostern nahm der Kanton zusätzliche Asylunterkünfte in Betrieb, um die vom Bund geforderten Abstands- und Hygieneregeln einhalten zu können. Diese Meldung habe bei Betroffenen und den Bündner Asylorganisationen zuerst für Erleichterung gesorgt, schreiben der Verein IG offenes Davos und die Organisation Bündner helfen Flüchtlingen in einer gemeinsamen Mitteilung. «Aber die Freude währte nur kurz.»
Der erste Dorn im Auge ist den beiden Freiwilligenorganisationen der Ort der Unterbringung der Asylsuchenden. Dieser soll in der unterirdischen Bunkeranlage des Zivilschutzes in Chur sein. Es sei erstaunlich, dass ausgerechnet in der Coronakrise wieder auf eine unterirdische Notunterkunft zurückgegriffen werde, heisst es in der Mitteilung weiter. Dort würden sich, entgegen den Empfehlungen der Schweizer Armee, die Fenster zum Lüften nicht öffnen lassen. Ausserdem könne die unterirdische Unterbringung für die Geflüchteten zu einer Retraumatisierung führen.
Marcel Suter, Leiter des Bündner Amtes für Migration und Zivilrecht, wiegelt ab. Der Betrieb in der Unterkunft laufe bisher reibungslos und ruhig. «Die Unterkunft wird von Personen, die einer Arbeit nachgehen können, wegen der Zentrumsnähe geschätzt», sagt der Amtsleiter, der sich nach den harschen Vorwürfen zu einer Stellungnahme genötigt sah. 17 Personen seien derzeit in der Bunkeranlage einquartiert – alle seien gesund. Nach drei bis vier Wochen sollen sie dann auch wieder in einer oberirdische Anlage verlegt werden.
Unangemessen finden die Organisationen ausserdem die Umplatzierung von unbegleiteten Jugendlichen in eine andere Ecke des Kantons. Auch dazu nimmt Suter Stellung: «Bis heute wurden keine unbegleiteten minderjährigen Asylsuchende (UMA) einem anderen Zentrum zugewiesen.» Über 18-Jährige seien allerdings schon vereinzelt nach Splügen transferiert worden. Aber auch dort werden sie weiterhin gut betreut, wie er sagt.
Drei bestätigte Coronafälle
Und was passiert, wenn in den Kollektivzentren Quarantänemassnahmen ergriffen werden müssen? Zu viele solcher Fragen seien noch offen, schreiben die Organisationen weiter. Doch ein solches Szenario scheint sich beim Kanton bereits «bestens bewährt» zu haben. Wie Suter erwähnt, gibt es derzeit im Erstaufnahmezentrum Foral in Chur drei Geflüchtete, die am Coronavirus erkrankt sind. Es seien entsprechende Isolierzimmer eingerichtet worden. «Die Betreuung der erkrankten Personen und das Vorgehen im Verdachtsfall erfolgen in enger Abstimmung mit der Kantonsärztin», so Suter.
Die Coronakrise lege die Schwächen des restriktiven Bündner Asylsystems schonungslos frei, schreiben die Freiwilligenorganisationen weiter. Die Bündner Transitheime würden nicht bloss zur temporären Unterbringung von Asylsuchenden dienen. Im Fall einer sogenannten vorläufigen Aufnahme würden Geflüchtete auch nach Abschluss des Asylverfahrens bis zu sieben Jahre im Heim wohnhaft bleiben. Damit bilde der Kanton Graubünden im schweizweiten Vergleich eine Ausnahme, die jetzt für Probleme, Mehraufwand und Mehrkosten sorge.
Laut Mitteilung möchten die beiden Freiwilligenorganisationen den Kanton ermuntern, «die Coronakrise zum Umdenken zu einer menschenwürdigeren Asylpolitik zu nutzen». (jas)