Dirigent Frank Strobel: «Gute Filmmusik erzählt mit»
Das Tonhalle-Orchester Zürich vertont live den modernen Stummfilm «Blancanieves». Dieser versetzt den Schneewittchen-Stoff in das Andalusien der 1920er-Jahre. Dirigent und Filmmusikexperte Frank Strobel erklärt, was den Film und seine Musik so besonders macht.
Frank Strobel, mit «Blancanieves» von Pablo Berger aus dem Jahr 2012 bringen Sie einen Stummfilm in Schwarz-Weiss in die Tonhalle Zürich. Klingt die Musik dazu so retro wie diese Ausgangslage?
Frank Strobel: Nein, denn der Film ist alles andere als retro! Das Schwarz-Weisse hat schon eine Weile sein Comeback. Es bietet starke Kontraste und sorgt für die expressionistische Bildsprache, wie sie auch in Klassikern wie «Das Cabinet des Dr. Caligari» (1920) oder «Metropolis» (1927) vorherrscht. Pablo Berger bezieht sich damit zwar auf das frühe Kino, er hat «Blancanieves» aber mit Mitteln gedreht, die es damals nicht gab. Ausserdem ist der Film auch inhaltlich zeitlos.
Was macht die Filmmusik von «Blancanieves» dann aus?
Strobel: Genau wie die Bildsprache lebt sie von hoher emotionaler Spannung. Der spanische Komponist Alfonso de Vilallonga hat für den Film – der die Schneewittchen-Figur Carmen zur Stierkämpferin werden lässt – eine Musik geschrieben, die sich einerseits an der spanischen Folklore orientiert. Deshalb sitzt neben dem Orchester auch eine Flamenco-Gruppe auf der Bühne, darunter einer der bekanntesten Flamenco-Gitarristen Spaniens, Juan Gómez Chicuelo. Andererseits ist die Filmmusik grosssinfonisch angelegt. Diese Verbindung ist einmalig.
Deswegen haben Sie diesen Film für die «Filmsinfonik»-Reihe des Tonhalle-Orchesters Zürich gewählt?
Strobel: Mir geht es einfach immer darum, gute Filmmusik zu finden. Und «Blancanieves» ist für mich ein sehr berührendes und zugleich kraftvolles Werk. Ausserdem erleben wir hier eben nicht nur eine grosse sinfonische Filmmusik wie zum Beispiel bei den Stummfilm-Klassikern «Nosferatu» oder «Metropolis». Sondern dieses Ineinanderfallen der andalusischen Volksmusik und klassischen Filmmusik wollte ich unbedingt dem Publikum zeigen. Alfonso de Vilallonga hat damit wirklich gute Filmmusik geschrieben.